12.08.2026, Tag 3, 22 km, Gesamt: 74,8 km
Abends hatte es noch angefangen zu regnen und ein Blitz schlug auch weit entfernt aber kräftig ein. Ich lag entspannt in meinem Zelt und habe dem Prasseln der Regentropfen gelauscht. Ich liebe es, im trockenen Zelt zu sitzen, wenn es draußen regnet.
In der Nacht hörte es irgendwann auf, so dass ich morgens ein trockenes Zelt einpacken konnte.
Die Klamotten waren teilweise noch nicht trocken, und damit das Anziehen leicht unangenehm, aber nach wenigen Sekunden war es dann auch ertragbar.
Und wieder beginnt der Tag mit einem kräftigen, langen Anstieg.
Immer die Schotterstraße hinauf, an einigen abgelegenen Höfen vorbei und ausreichend steil, um mich sofort ins Schwitzen zu bringen.

Die Baumgrenze ist bald erreicht und damit das Ende des Schattens und ich brutzel wieder in der Sonne – die jetzt am Vormittag noch gnädig ist und erst Nachmittags so richtig aufdreht.
Die Schotterstraße führt direkt zur Walderhütte, die nicht mehr bewirtschaftet, aber trotzdem ein gut sichtbarer Ankerpunkt ist.
Von dort geht es zum finalen Anstieg auf den Wöllaner Nock auf 2.145 Metern. Nach zwei Stunden erreiche ich den Gipfel.

Die Fernsicht wird durch einige Wolken und leichten Dunst getrübt, ist aber immer noch sehr schön. Ich kann in der Ferne schneebedeckte Gipfel sehen – fantastisch.
Außerdem ist gut der weitere Weg zu erkennen – am Speichersee vorbei geht es erstmal wieder komplett runter bis nach Wiedweg, um dann auf der anderen Talseite wieder hochzuführen zum Rödnesrock und Falkert.

Wie weit ich heute kommen werde, weiß ich noch nicht. Ich habe Zeit und werde mich nicht Stressen lassen.
Direkt neben dem Wöllaner Nock befindet sich die Bergstation der Seilbahn und als ich viertel zehn den Gipfel verlasse, strömen mir die ersten Tageswanderer entgegen, die mit der Bahn hochgefahren sind.
Der Gipfel Kaiserburg, der zehn Meter neben der Station liegt, ist entsprechend überlaufen und ich gehe zügig weiter.
Schon an dem Speichersee bin ich wieder alleine, da die Tageswanderer sich eher in Richtung Wöllaner Nock bewegen.

Es geht zunächst auf Almmatten und Weiden hinab. Dann erreiche ich wieder die Baumgrenze und ein stark von Fahrzeugen zerpflügter Pfad führt weiter bergab.
Er lässt sich aber einigermaßen gut gehen, da es trocken ist und der aufgewühlte Boden trittfest.
Irgendwann wird aus dem Weg auch eine standesgemäße Schotterstraße, die sich in langen Serpentinen den Berg hinunterschlängelt.
Es sind noch mehrere hundert Höhenmeter zu überwinden und auch wenn ich immer wieder das Tal und Wiedweg unten sehen kann – ich komme nicht nennenswert näher.
Durch die geringe Neigung der Straße, die Fahrzeugen das Befahren ermöglichen soll, zieht sich der Weg eeeewig hin…es gibt keinerlei Abkürzungen für Fußgänger, dabei würden wir deutlich steilere Wege hoch- bzw. runtergehen können.
Stundenlang bin ich auf den langen Serpentinen unterwegs und bezweifle, dass ich jemals unten ankommen werde…
Ich hatte mir oben an der Talstation Wasser aufgefüllt, allerdings nur anderthalb Liter, das hätte für die Bergab-Strecke locker reichen sollen.
Durch die super lange – und langweilige – Serpentinenstraße wird es am Ende aber doch knapp.
Nach drei Stunden bin ich endlich in Wiedweg angekommen, fülle am Friedhof mein Wasser auf und mache mich freudig an den nächsten Anstieg.

Alles ist besser, als lange Schotterstraßen runterzulatschten.
Und obwohl es jetzt wieder sehr steil und knackig nach oben geht, macht das hundertmal mehr Spaß. Es geht einen Wiesenweg entlang und dann durch die Häuser von Plaß, bevor der Weg in den Wald führt.

Die Kehren der Waldstraße werden hier vorbildlich abgekürzt und der Wanderweg geht relativ direkt immer geradeaus.
An einer Stelle bin ich mir dann zwar relativ schnell sicher, dass ich falsch bin, habe aber keine Lust umzudrehen, da es auch ein schöner Weg ist und er grob in die richtige Richtung weißt.
Also laufe ich weiter und komme irgendwann tatsächlich wieder an der rot-weiß-roten Markierung raus.
Nach weiteren 200 Metern mache ich an einer alten Schutzhütte halt und stelle fest, dass auf den Wegweisern der Salzsteigweg nicht draufsteht…Ich studiere meine Karten und muss zugeben, dass ich falsch bin – immernoch. Die rot-weiß-rote Markierung gilt ja in Österreich für fast alle Wanderwege und ich hätte in die andere Richtung gemusst.
Kein Problem, gehe ich eben zurück. Bis ich nach 50 Metern meine Wanderstöcke vermisse, die noch an der Schutzhütte lehnen.
Also wieder zurück und nochmal von vorne.
Irgendwann finde ich den Salzsteigweg wieder, verliere ihn aber kurz darauf sofort wieder und muss mich durch dichtes Unterholz und Gebüsch kämpfen, um wieder auf irgendeinen Weg zu gelangen.

Das geht dann noch zweimal so, keine Ahnung was hier los ist, aber die Beschilderung ist super schlecht, was daran liegen kann, dass der halbe Wald abgeholzt ist und nur noch Stümpfe stehen und die ehemaligen Wege von den schweren Fahrzeugen zerstört wurden.
Irgendwann handelt es sich wieder um einen normalen Waldweg und die Waldarbeiten sind zu Ende.
Ich stapfe weiter nach oben, die ganzen Umwege haben mich aber neben viel Zeit auch sehr viel Energie gekostet.

Bis zum Gipfel komme ich heute jedenfalls nicht mehr.
Noch anderthalb Stunden steige ich weiter hinauf, der Weg führt mit einer kontinuierlichen Steigung nach oben.
Ich passiere die Moschelitzenalm und habe damit die Baumgrenze überschritten. Hm, eigentlich wollte ich ja im Wald nächtigen…
Ich gehe noch weiter und finde eine nette Lichtung direkt am Weg, die geradezu einlädt, hier für die Nacht zu bleiben. Mir ist seit Wiedweg niemand entgegen gekommen und ich denke mir, dass ich es riskieren kann, hier so „öffentlich“ zu zelten.

Noch während ich aufbaue fängt es an zu nieseln. Sonne und Wolken wechseln sich dann immer ab, aber ich liege ja in meinem gemütlichen Zelt.
Kurz nach 18:00 Uhr kommt ein Auto vorbei…Ich hoffe, dass es einfach weiterfährt, aber nein. Es hält an, eine Tür klappt und kurz darauf klopft jemand an mein Zelt.
Der Kleidung nach zu urteilen handelt es sich um den Parkwächter oder so etwas. Jedenfalls erklärt er mir, dass das hier Naturschutzgebiet ist und ich hier nicht zelten darf.
Meine Versuche, ihn davon zu überzeugen, dass ich nicht mehr weiter kann und die Etappe einfach zu lang war, waren ergebnislos. Auch meine Frage, wo ich denn jetzt hinsolle, beantwortete er nur lapidar mit „ist mir egal“. Angeblich wäre ich in einer halben Stunde wieder unten im Ort.
Mit Auto vielleicht…hoch habe ich zwei Stunden gebraucht und runter sind es auch mindestens 60 Minuten.
Er ließ sich nicht beirren und ich musste mein Zelt abbauen. Dass er in einer halben Stunde wiederkommen würde, um nachzusehen, dass ich weg bin, glaubte ich ihm sofort.
Also alles zusammengepackt, Rucksack geschultert und kurz überlegt, in welche Richtung ich jetzt gehe.
Theoretisch hätte ich auch weiter nach oben auf die Gipfel gehen können und das vielleicht noch vor Einbruch der Dunkelheit geschafft. Ich hatte aber wirklich keine Energie mehr und konnte keinen weiteren Höhenmeter nach oben gehen.
Also wieder zurück…mit jedem Schritt, den ich tat trauerte ich um die Höhenmeter, die ich heute völlig umsonst hochgewandert war, weil ich sie morgen direkt nochmal absolvieren musste. 😦
Kurz nach Erreichen des Waldes unter der Alm bog ich rechts ab und ging tief in den Wald hinein. Jetzt war ich erst recht im Naturschutzgebiet…da oben auf der Wiese habe ich die Tiere nicht so gestört wie hier unten…
Aber bis hinunter ins Dorf zu gehen war undenkbar. Es hätte zu lange gedauert und dort hätte ich ja auch nur irgendwo mein Zelt aufstellen können.
Also baue ich es hier wieder auf, versuche so leise wie möglich zu sein und die Tiere nicht zu stören.
Ich verkrieche mich auch sofort ins Zelt. Während ich die Isomatte mit dem Pumpsack aufpuste, höre ich plötzlich ein Summen.
Ich halte inne und lausche. Das Summen wir lauter. Was ist das?
Die Antwort schockt mich – eine Drohne! Ganz klar, der Typ sucht mich mit einer Drohne!
Ich bewege mich nicht, aber das hilft natürlich nicht, weil er ja das Zelt sehen kann. Das Summen wird nach kurzer Zeit wieder leiser…er hat mich also entdeckt und die Drohne fliegt zurück.
Mist…Ich packe in Windeseile wieder alles zusammen, schultere den Rucksack und mache, dass ich davonkomme.
Wahrscheinlich wird die Drohne normalerweise zum Wild beobachten genutzt und um das ganze Gelände im Auge zu behalten. Heute wurde eine Wildcamperin damit gesucht.
Also doch runter ins Tal…ich studiere wieder die Karten und entscheide mich für einen anderen Weg, der weiter westlich ins Tal führt. Der sollte nicht so weit sein und ich bin schneller unten, als wenn ich nach Wiedweg zurückgehe.
Auf halbem Weg verliert sich der Weg im Wald, dafür ist es hier sehr dicht und dunkel und ich entscheide mich, hier mein Zelt aufzubauen.
Ich bleibe unter den Baumkronen, so dass mich eine Drohne nicht finden sollte und außerdem bin ich jetzt schon so weit weg, ich glaube nicht, dass der Ranger mich hier unten noch sucht.
Also baue ich zum dritten Mal heute das Zelt auf – es wird jetzt auch dunkel und damit höchste Zeit.
Als ich wieder im Zelt sitze, höre ich das Summen.
Das kann doch nicht…
Es hört auf zu summen…
Das kann keine Drohne sein, wie sollte er mich hier so schnell finden?
Und dann sehe ich meine Isomatte an, die ich gerade aufpumpe.
Na toll! Das Summen kommt aus dem Ventil der Isomatte! Es hat nie eine Drohne gegeben, die mich gesucht hat.
Einerseits bin ich natürlich erleichtert, andererseits hätte ich mir auch eine Menge Zeit und Stress ersparen können, wenn ich das gleich mitbekommen hätte. Das Geräusch hat die Matte vorhin aber zum ersten Mal gemacht, deswegen kannte ich es noch nicht.
Wie auch immer. Zweieinhalb Stunden, nachdem mich der Kerl oben weggescheucht hat, liege ich wieder im Zelt und kann heute hoffentlich gut schlafen – ich muss morgen gestärkt sein für den langen Anstieg, der nochmal vor mir liegt.








