06. – 09. September 2021
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Tag 1
Es ist Punkt 06:00 Uhr morgens und noch dunkel, als ich meine Tracking-App anschalte und loslaufe. Ich stehe in Hörschel an der Werra und mein Weg wird mich über 169,3 km bis nach Blankenstein führen. Auf dem Rennsteig, dem ältesten und wohl bekanntesten Weitwanderweg Deutschlands.
Die Fenster des Wandererhotels, welches direkt am Startpunkt liegt, sind alle noch dunkel, lediglich in der Küche beginnt eine Frau mit den Vorbereitungen für das Frühstück. Die Wanderer und Wanderinnen selbst schlafen noch tief und fest und träumen von einem aufregenden, aber nicht zu anstrengenden Tag.
Ich laufe leise durch die Straßen von Hörschel und passiere die zahlreichen Schilder, die den Beginn des legendären Rennsteig anzeigen. Verlaufen kann ich mich hier und wohl auch auf der gesamten Strecke nicht, an jeder Weggabelung stehen ausführliche Hinweisschilder, die Wanderungen in alle Richtungen und über unterschiedlichste Längen ermöglichen.

Der Sonnenaufgang wird durch einen dicken, weißen Nebelteppich abgedeckt. Es wird zwar hell, aber alles bleibt still und der Tag kuschelt sich nochmal in die Nebeldecke, bevor die ersten zaghaften Sonnenstrahlen ihre Fühler ausstrecken und eine willkommene Wärme mitbringen.
Ich spaziere zügig über den großen Eichelberg samt gleichnamiger Hütte, durch dichte Wälder und vorbei an kleinen Ansammlungen von Häusern, die immerhin so zahlreich sind, dass sie einen eigenen Ortsnamen erhalten haben. Auch wenn ich mir sicher bin, dass die BewohnerInnen aus Clausdorf bei der Frage nach Ihrem Wohnort antworten, dass sie „bei Eisenach“ wohnen.
Zügig laufe ich nicht nur, weil die Sonne jetzt Anfang September in den frühen Morgenstunden nicht mehr so wärmt, dass ich meine Windjacke ausziehen könnte. Sondern zügig auch, weil ich heute eine möglichst weite Strecke zurücklegen möchte. 40 Kilometer sollen es werden, mindestens.
Ich zweifle nicht daran, dass ich das schaffe und auch ausreichend Zeit dafür habe, dennoch sorgt das Vorhaben automatisch dafür, dass ich etwas schneller als sonst laufe, auch wenn ich gleichzeitig in Sorge bin, dass ich mich damit übernehmen und mir nachmittags oder in den nächsten Tagen dann die notwendige Kraft fehlen könnte.
Der Rennsteig verläuft als Kammweg durch den Thüringer und einen Teil des Frankenwaldes. Das bedeutet, heute geht es größtenteils bergauf, um auf den Kamm zu kommen. Da es sich allerdings um einen zertifizierten Qualitätswanderweg handelt, ist der Weg überall in sehr gutem Zustand. Es ist eher ein langer Spaziergang, denn eine echte Wanderung. Wobei ich mich schon lange frage, wo und wie man die Grenze zwischen langen Spaziergängen und (leichten) Wanderungen ziehen würde. Ob es da objektive Kriterien gibt? In Deutschland nicht ganz unwahrscheinlich.
Kurz nach neun Uhr erreiche ich den Park- und Rastplatz Hohe Sonne und frühstücke einen Proteinriegel. Dieser Ort ist insofern interessant, als hier der offizielle Startpunkt für die Guthsmuth-Rennsteigläufe liegt. Zumindest erläutert dies ein entsprechender Stein. Die diesjährigen Läufe starten in Eisenach bzw. Oberhof. Ob das pandemiebedingt verlegt wurde (wie auch der Termin als solcher) oder der Startstein veraltet ist, kann ich nicht sagen.

Danach geht es weiter und nun treffe ich auch vermehrt auf andere Wanderinnen und Wanderer. Viele spazieren mit einem Tagesrucksack durch den Wald. Einige schleppen aber auch mächtige, schwer aussehende Rucksäcke mit. Sie sind vermutlich mit Zelten oder einfach seeeehr vielen Klamotten unterwegs. Ich verstehe die Motivation dieser Wanderer immer nicht. Aufgrund des hohen Gewichtes können sie den Weg gar nicht so genießen, wie wir, die wir nur einen leichten Rucksack mithaben. Der Tagesablauf wird durch regelmäßig notwendige Pausen bestimmt und die Tagesstrecke durch die schnell schwindenden Kräfte limitiert. Dabei packen sie mindestens ein Drittel der Sachen, die sie mitschleppen nach der Tour unbenutzt wieder aus…
Außerdem ist der Rennsteig auf seinen knapp 170 Kilometern mit fast 80 Schutzhütten bestückt. Das heißt in etwa alle zwei Kilometer gibt es eine Hütte, die mal mehr mal weniger zum Übernachten geeignet ist.
Nun sollen natürlich nicht alle Rennsteigwanderer in den Schutzhütten übernachten, aber bevor ich hier mit einem 60kg-Rucksack auflaufe, würde ich mir vielleicht doch die Hütten ansehen.
Das ist zumindest mein Plan für die nächsten Tage. Ich werde ausschließlich in den Schutzhütten übernachten. Das ist zwar immer mit dem Risiko verbunden, ggf. etwas länger zu laufen als vielleicht geplant, falls ich auf eine schon belegte Hütte stoße, aber das kann ich ja einkalkulieren.
Den großen Inselsberg – der Stolz der Westthüringer – erreiche ich gegen Mittag. Mit 916 m ü. NN ist er zwar nur der vierthöchste Berg im Thüringer Wald. Aber wenn man – so wie die stolzen Anrainer – die Region auf die „nordwestliche Hälfte des Mittleren Thüringer Waldes“ eingrenzt, ist er der höchste Berg dort.

Der Gasthof hat Montags, also heute, Ruhetag. So gibt es hier kein WC und für mich auch keine Möglichkeit, Wasser aufzufüllen.
Ein Imbissstand bietet allerdings frisch gegrillte Thüringer Rostbratwürste an. Der würzige Duft, der von den über Holzkohle gegrillten Würstchen ausgeht, zieht in meine Nase und lässt den Speichel in meinem Mund zusammenlaufen. Eigentlich keine schlechte Idee, jetzt so einen kleinen Imbiss einzunehmen. Ich hätte mir sofort eine gekauft, wenn nicht die Schlange so lang und die fertigen Würste zu wenige gewesen wären.
So wandere ich weiter, den großen Inselsberg hinab und erhalte dann am Gasthaus „kleiner Inselsberg“ meine leckere, traditionelle Rostbratwurst.

Nachmittags wechseln sich die entgegenkommenden Wanderinnen dann vermehrt mit Radfahrern und Radfahrerinnen ab, die entweder schwitzend den Anstieg hochkurbeln oder konzentriert und zügig die Abfahrt nehmen. Den Rennsteig gibt es auch als Radhöhenweg, wobei es sich dabei um eine Variante handelt, die nicht selten vom Verlauf des Wanderweges abweicht. Nur leider achten viele Radler nicht darauf oder fahren bewusst auf dem Wanderweg weiter, weil ihnen der breite Schotterweg zu langweilig vorkommt.
Noch bevor ich 40 Kilometer gelaufen bin ist mir klar, dass ich heute in guter Verfassung bin und weitergehen kann. Also möchte ich die 50 schaffen.
Nach 49 Kilometern kommt eine Hütte, die schon durch zwei Personen und diverse Hunde belegt ist. Da ich sowieso noch etwas weiter möchte, stört mich das nicht und ich hoffe aber, dass die nächste Hütte frei ist.
An der nächsten Wiese hat jemand sein Zelt aufgebaut und nun finde ich das gar nicht mehr so schlimm, da dadurch die Chance auf eine freie Hütte für mich etwas höher ist.
Nach mehr oder weniger genau 50 gelaufenen Kilometern kommt die Schutzhütte „Am Sperrhügel“ und sie ist noch frei.
Es ist erst 18:00 Uhr, so dass ich noch einen entspannten Feierabend an dem Picknicktisch verbringe, bevor ich aufgrund der abnehmenden Temperaturen in die Hütte gehe und meine Matte ausbreite.
Gegen 19:15 Uhr, ich will mich gerade umziehen, kommen zwei Wanderer, die auch nach einer Schlafmöglichkeit in einer Hütte suchen.
Ich formuliere freundlich aber bestimmt, dass ich gerne alleine in dieser Hütte schlafen möchte und die beiden doch bitte bis zur nächsten Hütte weitergehen möchten. Einer der beiden diskutiert zwar noch zehn Minuten mit mir und findet zunehmend absurdere Metaphern und Analogien, warum es denn etwas mit Nächstenliebe zu tun hätte, dass ich die beiden in der Hütte schlafen lasse, aber sie gehen dann doch weiter.
Ich überlege kurz, ob ich im Unrecht bin, denke aber schon, dass es legitim ist, zunächst eine Hütte nicht teilen zu müssen. Es ist noch ausreichend lange hell, um bis zur nächsten Hütte zu gehen und die beiden waren auch noch bei Kräften, um die zwei Kilometer weiterzugehen.




Ausblick am Venetianerstein 


Aussichtspunkt südlicher Spießberg 
Schutzhütte Am Sperrhügel, km 50 

Blick vom großen Inselsberg 


Thüringer Leckereien auf dem Inselsberg 




Aussichtspunkt südlicher Spießberg 

Tagesration Proviant 
Hütte großer Eichelberg, 1,5 km 




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Tag 2
Ich stehe heute erst um sechs Uhr auf, so dass ich in der beginnenden Dämmerung meinen Kram zusammenpacken kann, ohne die Kopflampe anmachen zu müssen.
Nach den ersten zwei Kilometern treffe ich auf die beiden Männer von gestern Abend. Es gibt hier an der Kreuzung keine Hütte (es liegen schon massive Holzstämme für einen Neubau bereit), so dass sie einfach auf den Picknickbänken geschlafen haben. Wie sie mir versichern, haben sie nicht gefroren, sind aber trotzdem nicht gut auf mich zu sprechen.
Warum sie nicht einfach bis zur nächsten Hütte weitergegangen sind (die in wiederum 2 km kommt und leer ist) und was sie alles in den riesigen Rucksäcken haben, wenn kein Zelt (wie sie beteuern), werde ich wohl nie erfahren, interessiert mich aber auch nicht. Ein klein wenig beneide ich sie sogar um die Nacht unter freiem Himmel. Dieser war sternenklar und man konnte aufgrund der Dunkelheit hier im Thüringer Wald deutlich mehr glitzernde Sterne sehen als in der Stadt. Sogar das schwach-weißleuchtende Band eines Teils der Milchstraße war deutlich zu erkennen.
Vormittags ist es bewölkt und der Weg verläuft ausschließlich auf Forststraßen, so dass ich gut vorankomme und meine Kräfte geschont werden.
Irgendwann höre ich schnell aufeinanderfolgende Schüsse, die, wie sich dann herausstellt, aus dem Biathlon-Sportzentrum bei Oberhof kommen. Danach begegnen mir rollende SkifahrerInnen, joggende SkifahrerInnen (mit Skistöcken in der Hand) und ganz klassisch die Mountainbike-FahrerInnen, die sowieso jeden Tag auf dem Weg unterwegs sind.
Ich passiere das Wintersportzentrum und das angrenzende riesige Gelände des Oberhofer Biathlon-Stadions, welches zum Teil noch Baustelle zu sein scheint. Große, laute und jede Menge Staub aufwirbelnde LKW umgeben mich und ich sehne mich sofort nach der Ruhe des Waldes zurück.
Am sogenannten Rondell mache ich Frühstückspause. Leider ist die Toilette kaputt (und ich hätte auch kein 50 Cent-Stück für den Zugang), so dass ich meine Wasservorräte nicht auffüllen kann, die langsam aber sicher zur Neige gehen. Der Rennsteiggarten macht auch erst um zehn Uhr auf und eine gute halbe Stunde möchte ich jetzt nicht warten. Zumal unklar ist, ob ich dort Wasser bekommen könnte.
Also laufe ich weiter. Ich habe noch einen knappen halben Liter und in zwei Kilometer soll die nächste Baude kommen. Kurz davor informiert ein Schild über den Ruhetag der Baude, der natürlich heute ist…ich habe das Wasser sowieso schon rationiert und jetzt nur noch ein paar Schlucke, die weitere vier Kilometer reichen müssen.
Auch wenn ich weiß, dass ich nicht verdursten werde, mag ich es ganz und gar nicht, zu wenig Wasser mitzuhaben. Weshalb ich auf dieser Wanderung bewusst relativ wenig Wasserkapazitäten mithabe (2 l), damit ich meine Komfortzone etwas erweitere. Meistens schleppe ich viel zu viel Wasser und damit unnötiges Gewicht mit.
Einen Kilometer vor der nächsten Baude ist mein Wasser alle und ich kann nur noch die Daumen drücken, dass die Suhler Hütte heute geöffnet hat.
Ich habe Glück und wieder zwei volle Flaschen und wandere deutlich entspannter weiter.
Mittags nehme ich die Alternativroute des Rennsteigs auf den großen Finsterberg (944m ü. NN) und pausiere auf dem Aussichtsturm mit Blick auf Suhl und Schmiedefeld. Letzterer ist übrigens der Zielort für die Guthsmuths-Läufe.

Die Wolken haben sich mittlerweile in Wohlgefallen aufgelöst. Und die Strecke besteht seit Oberhof zwar überwiegend aus kleinen Pfaden und Wiesenwegen, allerdings jetzt immer sehr nahe an mehr oder weniger stark befahrenen Straßen, so dass das laute, unangenehme und unpassende Motorengeräusch mein ständiger Begleiter ist.
Die Wegführung bis Oberhof war deutlich naturnaher und ruhiger, wenn der Weg selbst vielleicht auch nicht immer der spannendste war. Aber mal schauen, wie es weitergeht.
Ich passiere kurz nach dem Gasthaus zum Dreiherrenstein den Mittelpunkt des Rennsteig und habe damit noch die Hälfte der Strecke vor mir.
Nach Durchqueren des kleinen Örtchens Allzunah und der Ortschaft Neustadt am Rennsteig habe ich mein heutiges Pensum von 40km erreicht und suche nur noch eine nette Hütte für die Nacht.
In Neustadt hatte ich nochmals Wasser aufgefüllt und die lokale Bauweise der Häuser bewundert. Alle Gebäude sind mit der gleichen Art von anthrazitfarbenen Schieferschindeln verkleidet. Und zwar nicht nur – wie üblich – auf dem Dach, sondern komplett umlaufend auch alle Hauswände. In dieser Form habe ich das bisher nur hier im Thüringer Wald gesehen.
44 km nach dem heutigen Start erreiche ich die Hütte an der Kleinteichswiese, welche nicht nur sehr malerisch gelegen und leer ist. In dieser Hütte hatte ich bei meiner ersten Rennsteigwanderung auch schon übernachtet, so dass ich mich jetzt doppelt freue, hier übernachten zu können.
Gegen 20:30 Uhr kommt noch ein junges Pärchen vorbei, welches eine freie Hütte sucht. Sie hat aber sofort Verständnis dafür, dass diese Hütte schon belegt ist und die beiden laufen zur nächsten weiter. So muss das sein…ich lege mich wieder hin und schlafe bald ein.


Blick auf Schmiedefeld vom großen Finsterberg 










Aussichtsturm großer Finsterberg 


Denkmal für WaldarbeiterInnen und Helfer zur Rettung des Thüringer Waldes in den 50ern 


Hütte Kleinteichswiese, km 94
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Tag 3
Der Rennsteig verläuft zwischen Neustadt und der Triniusbaude für ca. 5 km immer an der Landstraße entlang. Der Abstand zwischen Wanderweg und Straße beträgt zwischen anderthalb und 30 Metern, so dass man immer den Autolärm im Ohr hat, selbst wenn der Weg selbst etwas im Wald liegt.
Danach wird es aber wieder besser, der Weg verlässt die Straße und führt etwas nach oben in den Wald hinein.
Auch heute sind die Forstarbeiten nicht zu übersehen und die Spuren der Waldbewirtschaftung begleiten mich den gesamten Tag über.
Der gesamte Thüringer Wald ist natürlich bewirtschafteter Forst und insbesondere auf dem heutigen Teilstück ist der Kreislauf des bewirtschafteten Waldes gut nachvollziehbar. Neben dem noch „unberührten“, dichten Wald mit hohen, dickstämmigen Nadelbäumen komme ich auch an frisch geschlagenen Bäumen vorbei.
Die Waldarbeiter nutzen eine lustige Maschine, die es ermöglicht, einen geschlagenen Baum mit einer Art Greifzange festzuhalten. Dann wird der Stamm automatisch durch den Greifer geschoben, dabei entastet und entrindet und nach einer bestimmten Länge durch dieselbe Vorrichtung zersägt. Im Anschluss wird der Stamm wieder weitergeschoben und nochmals zersägt. So fallen in einem einzigen Arbeitsschritt gleichmäßig lange Baumstämme an, die einfach nur noch aufeinandergestapelt und abtransportiert werden müssen. Für den Transport sind mir sowohl ein Pferdegespann als auch LKW begegnet.
Und dann gibt es die Bereiche des Waldes, in welchen die Fällungen schon einige Zeit her sind und die langsam wieder nachwachsen. Teilweise sehen sie erschreckend trostlos und „zerstört“ aus, aber ich sage mir, dass die Forstarbeiter schon wissen werden, wie man den Wald am Besten bewirtschaftet, ist ja keine neue Wissenschaft, sondern jahrzehntelange Praxis.
Da mich das dann doch noch etwas beschäftigt, schaue ich einfach nach und auf der Seite des ThüringenForst wird erläutert, dass in ganz Thüringen jährlich ca. 5,8 Mio Kubikmeter Holz nachwachsen und nur 3,5 Mio Kubikmeter geschlagen werden…es sollten also eigentlich mehr Bäume nachwachsen, als gefällt werden. Zumindest solange nicht solche Extremwetterereignisse wie der Sturm Kyrill oder Borkenkäferbefall überdurchschnittlich viele zusätzliche Holzeinschläge notwendig machen.
Ich komme heute unter anderem durch Neuhaus am Rennweg. Wie der abweichende Name des Rennsteig entstanden ist, bekomme ich leider nicht heraus. Neuhaus ist jedenfalls die größte Ortschaft, durch die der Rennsteig führt. Rein vom Namen hätte ich eher auf Neustadt am Rennsteig getippt, aber hier in Neuhaus gibt es neben einem Bahnhof auch diverse Einkaufsmöglichkeiten vom Lidl über Outdoorbedarf bis hin zu dem sehr gut ausgestatteten Laden der Touristeninformation, wo es alle möglichen Thüringer Spezialitäten und Souvenirs zu erstehen gibt.
Ich schlendere kurz durch die schmalen Gänge und erfreue mich an den bunten Verpackungen der Viba-Schokoladen, diversen alkoholischen Spezialitäten und unterschiedlichster Geschmacksrichtungen von Born-Senf, aber letztendlich kaufe ich nichts, da es vieles auch in Berlin gibt oder jetzt zu schwer bzw. zerbrechlich wäre. Also nutze ich nur die Toilette, damit ich mein Wasser auffüllen kann und dann gehts auch schon weiter.
Da der Weg heute vermehrt durch abgeholzte Waldstücke oder über Wiesen führt, spüre ich die Sonne besonders brennen. Es war zwar bisher jeden Tag sonnig, aber der Wald bietet einen wirksamen und angenehmen Schutz und ich laufe gerne im kühlen Schatten der Bäume.

Auf dem Weg aus Neuhaus hinaus prüfe ich, welche Schutzhütten heute für eine Übernachtung infrage kommen. Ich schlucke etwas als ich feststelle, dass die Hüttendichte an diesem Ende des Rennsteig deutlich abnimmt. Für gewöhnlich gab es bis dato ca. alle zwei Kilometer eine Hütte. Jetzt werden die Abstände allerdings deutlich größer. Es gibt eine Hütte 41 km vor Blankenstein. Dann nochmal einen Infopavillion 5 km weiter, welcher auch zur Übernachtung geeignet sein soll und wiederum 5 km weiter die Hütte „Waidmannsheil“. Diese möchte ich heute erreichen, damit ich morgen nur noch gut 30km bis Blankenstein wandern muss und ohne Stress pünktlich am Bahnhof ankomme.
Nervös macht mich etwas, dass nach der Hütte erst 12 km weiter die nächste kommt. Sollte sie also schon belegt sein wenn ich ankomme, kann ich nicht einfach bis zur nächsten laufen.
Auf dem Weg beruhige ich mich mit einem Plan B. Wenn die Hütte tatsächlich belegt sein sollte, werde ich einfach „Cowboycamping“ machen, also mir irgendwo ein schönes Fleckchen unter freiem Himmel suchen. Es soll weiter trocken bleiben und die letzte Nacht der Tour unter freiem Himmel zu verbringen, wäre ja auch nicht schlecht.
Trotzdem wäre eine weitere Nacht in der Hütte auch sehr schön. Die letzten drei Nächte waren nämlich ausgesprochen angenehm und fast luxuriös. Durch den massiven Windschutz war es super warm und die Ablagemöglichkeiten auf dem Tisch boten mir ungewohnten Komfort, an den ich mich bei Übernachtungen draußen schnell gewöhnen könnte.
Ich spaziere also weiter, immer die anderen Wanderer und Wanderinnen taxierend, ob diese evt. auch die Hütte als Tagesziel auserkoren haben. Da ich niemanden anspreche, erfahre ich das aber natürlich nicht.
Am Rastpunkt „Kalte Küche“ fülle ich nochmals meine Wasserflaschen auf und nutze die Toilette. Das beste daran sind immer die wohlriechenden, frischgewaschenen Hände danach. Auf den nächsten Metern schnuppere ich immer wieder daran und genieße den Limettenduft.
Kurz darauf überschreite ich (imaginär) die ehemalige innerdeutsche Grenze. Da der Rennsteig schon immer ein Grenzweg zwischen verschiedenen Fürstentümern oder Ländern war und Thüringen und Bayern (Oberfranken) voneinander trennt, konnte man den berühmten Fernwanderweg viele Jahre nicht komplett begehen. In den angrenzenden Hütten und auf den Informationstafeln wird wiederholt auf die erste grenzüberschreitende Rennsteigwanderung nach der Teilung am 28.04.1990 hingewiesen. Damals sind ca. 3.000 TeilnehmerInnen von Brennersgrün nach Spechtsbrunn gewandert.
Ich laufe heute in die andere Richtung und werde Brennersgrün erst morgen erreichen.

Die letzten gut vier Kilometer nutze ich eine Alternativroute des Rennsteig, da der Originalweg direkt an der Landstraße entlangführt und die Alternative per Infoschild allen Wanderern wärmstens ans Herz gelegt wird. Die Autos sind auch wirklich nur noch schwach zu hören und der Weg führt durch abgeholzte, mit dichtem Unterholz und Wiesenblumen bewachsene Flächen. Außerdem finde ich hier noch große, süße Brombeeren, die eine gesunde Ergänzung meines zugegeben relativ einseitigen Speiseplans darstellen.
Dann beginnt der alltägliche Nervenkitzel. Je näher ich der Hütte komme, desto nervöser werde ich. Ich kann ja an der Situation nichts ändern und möchte einfach wissen, ob die Hütte leer oder schon belegt ist. Bis ich direkt davor stehe, steigt die Nervosität und ich kann nur die Daumen drücken.
Noch ein paar Meter, eine letzte Kurve. Ich gehe extra leise und lausche, ob ich Stimmen höre, ich schaue angestrengt, ob schon irgendwelche bunten Fetzen oder Rucksäcke zu sehen sind…die Bank vor der Hütte ist leer – ein gutes Zeichen. Noch ein paar Schritte und je weiter ich in die Hütte schauen kann, umso sicherer werde ich, dass sie leer ist. Was für ein Glück!
Ich lege als erstes meine Matratze aus, damit mein Platz schon gesichert ist, falls doch noch andere Wanderer kommen. Heute können sie nicht so einfach weitergehen, mangels erreichbarer Alternativen.
Dann habe ich ausreichend Zeit, um mich ganz entspannt zu reinigen, einen letzten Energieriegel zu essen und die untergehende Sonne zu genießen. Als ich feststelle, dass mich die Mücken aussaugen, verkrieche ich mich schnell in meinen Quilt und lese noch etwas.
Da ich heute 44 km geschafft habe, stehen morgen nun wirklich nur noch 32 km an und dafür habe ich ausreichend Zeit, bevor mein Zug um 17:30 Uhr aus Blankenstein abfährt.







Noranke-Stausee 


Spechtsbrunn 



Hütte Waidmannsheil, km 138 

an einer Quelle am Weg 


an der Triniusbaude 
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Tag 4
Die letzte Nacht auf dem Rennsteig war sehr angenehm. Warm, windgeschützt, bequem. Also so wie auch alle vorangegangenen Nächte. Die Schutzhütten sind wirklich eine tolle Sache für die Wanderfreunde und es bleibt zu hoffen, dass sie sachgerecht genutzt und nicht verschmutzt oder sogar zerstört werden, damit sie noch vielen Wanderern Unterschlupf bieten können.
Ich laufe zunächst weiter die Alternativroute, um den Streckenteil direkt an der Straße so weit wie möglich zu minimieren. Und das ist auch eine gute Idee, nachdem die 8 km-Variante nämlich zu Ende ist, geht es direkt auf der Straße rein nach Steinbach am Wald. Und nicht nur, dass der gesamte Ort durchquert werden muss, auch danach führt der Rennsteig auf einem asphaltierten Weg kilometerweit weiter.

Ich freue mich ja für die Radfahrer, dass es so schöne glatte, breite Wege gibt, aber warum bei der Planung niemand an die Wanderer und Wanderinnen denkt, ist mir schon lange ein Rätsel. Es sollte kein Geheimnis sein, dass Asphalt nicht der geeignete Untergrund für Fußgänger ist – im Gegenteil ist Asphalt mit der schmerzhafteste Belag, den man seinen Füßen bieten kann. Warum werden Wanderwege dann ständig asphaltiert? Ein schmaler Streifen Schotter neben dem Radweg würde uns doch schon reichen…
Irgendwann biegt der Weg endlich wieder auf einen Waldweg ein und ich spaziere deutlich entspannter weiter durch die Stille, die nur ab und zu durch ein Forstfahrzeug unterbrochen wird.
Auf dem letzten Kilometer bis zur Kurfürstenstein-Hütte ist der Weg auf beiden Seiten von unendlich vielen Blaubeerbüschen gesäumt. Die Sträucher sind kniehoch und die blauen Kugeln leuchten schon von Weitem, weil sie so groß und so zahlreich sind. Ich probiere einige und sie sind wahrlich perfekt. Der Reifegrad ist auf den Punkt, diese Beeren müssen genau heute gepflückt und vernascht werden! Also pflücke ich weiter. Am Liebsten würde ich meinen Rucksack ablegen, mich zwischen die Büsche setzen und einfach nur eine große Menge Blaubeeren in mich hineinschaufeln, aber die Geduld habe ich dann doch nicht und so gehe ich weiter – den Blick nicht abwendend von den köstlichen Beeren.
An der Kurfürstensteinhütte setze ich mein Frühstück mit einem Proteinriegel fort und nach der kurzen Pause wandere ich entspannt weiter. Ich habe keinen Zeitdruck, mein Zug fährt so spät, dass ich locker die gut 30 km bewältigen kann, ohne Angst haben zu müssen, ihn zu verpassen.

Bis Brennersgrün bleibt der Weg im angenehm kühlen, schattigen Wald, bevor es durch das kleine Örtchen geht, in welchem ebenfalls die typischen Schieferschindeln nicht nur die Dächer, sondern auch die Hauswände zieren.
Im Rennsteighaus nutze ich wieder das WC um Wasser aufzufüllen und Hände zu waschen. Palmolive Aquarium-Seifenduft…mhm, auch lecker 😋
Die Sonne gibt heute wieder alles und auf den folgenden offenen Flächen, grüne saftige Wiesen oder erst langsam wieder nachwachsende gerodete Waldstücke, bräunt sie meine Haut nochmals, bevor ich in wenigen Tagen an den Schreibtisch zurückkehre.
Heute wird die Zahl an Wanderinnen und Wanderer, die mit mir in Richtung Blankenstein laufen, auffallend hoch und ich überhole immer wieder auch größere Gruppen oder Einzelpersonen, die dann aber, wenn ich anhalte mich wieder überholen.

So auch eine andere, alleinwandernde Frau in meinem Alter. Sie ist lange hinter mir und irgendwann, nachdem ich auf der Suche nach dem richtigen Weg aus einer Sackgasse zurückkomme, treffen wir endlich aufeinander.
Wir tauschen zwar nicht unsere Namen aus, unterhalten uns dafür aber ganz prächtig über den Rennsteig und Weitwanderungen allgemein. Sie wollte letzte Nacht eigentlich auch in der Weidmannsheil-Hütte schlafen, hat diese aber nicht gefunden. Sie ist dann gegen 21:00 Uhr in Steinbach am Wald von einer netten Dame aufgenommen worden und durfte im Gästezimmer übernachten.
So ist für sie der Abend noch gut zu Ende gegangen. Ich bedaure etwas, dass sie die Hütte nicht gefunden hat, es wäre ein netter Abend geworden, da sie sehr sympathisch ist.
Wir laufen für ca. 4 km gemeinsam und unterhalten uns angeregt, bevor eine weitere Pause uns wieder trennt und ich mich alleine auf die letzten 4 km nach Blankenstein mache.
An einem Straßenstand in einem kleinen Ort ergreife ich die Gelegenheit, frische Pflaumen zu erstehen. Nach vier Tagen Proteinriegel (und eine Rostbratwurst) ist das jetzt genau das richtige und die ersten süßen, saftigen Früchte vernasche ich gleich im Gehen, bevor ich die Packung erstmal im Rucksack verstaue.

Eine Gruppe von sechs Wanderern muss ich noch überholen und dann komme ich um 14:48 Uhr am Selbnitzufer in Blankenstein an. Laut den Schildern hat der Rennsteig gar kein Ende, sondern nur zwei Startpunkte. Aber ich bin am Ziel meiner viertägigen Wanderung, auf welcher ich 169,3 Kilometer zurückgelegt habe. Ich werfe den Stein, welchen ich den ganzen Weg über mitgetragen habe, in die Selbnitz und gehe davon aus, dass ich mir dabei etwas wünschen darf. Also tue ich es und hoffe sehr, dass der Wunsch in Erfüllung gehen wird.

Mein ehrgeiziges Ziel habe ich damit erreicht und mir selbst bewiesen, dass ich auch mehrere Tage am Stück längere Strecken zurücklegen kann. Und ich habe so die Ahnung, dass das noch nicht meine persönliche Bestzeit auf dem bekanntesten Wanderweg Deutschlands gewesen ist und ich nicht das letzte Mal den Rennsteig gelaufen bin.














Selbnitz in Blankenstein 
Rennsteighaus in Brennersgrün 
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Ein schönes Erlebnis, deine Beiträge zu lesen und die fantastischen Bilder zu betrachten.
Danke für deinen Fleiss.
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