Collie – Pemberton

02.09. – 09.09.2017, 8 Tage, 252 km, Gesamtstrecke: 591 km

Der Ruhetag hatte richtig gut getan und als am nächsten Morgen der Wecker klingelt, hätte ich auch nichts dagegen, mich einfach wieder auf die Couch im Aufenthaltsraum zu legen und noch ein paar Tage zu faulenzen.

Aber ich wollte ja irgendwann auch wieder zurück nach Deutschland, also bin ich aufgestanden, habe das Zelt abgebaut und mich nach einem sehr leckeren Sahnejoghurt-Frühstück wieder auf den Weg gemacht.

Heute war es zum Glück wieder trocken und nur teilweise bewölkt, hatte ich gutes Timing mit dem Ruhetag bewiesen.

An dem uninteressanten Verlauf des Wanderweges änderte sich aber leider nichts. Anfangs, in der Darling Range, gab es ja wenigstens noch ein paar Berge, auf die man klettern und von denen man eine schöne Aussicht genießen konnte.

Aber jetzt ging es einfach tagelang nur durch Wald. Mal auf kleinen, aber gut gepflegten Pfaden, oft auf breiten Forststraßen.

Ich nutzte die Zeit zwar, um Podcasts zu hören, aber das war meiner Ansicht nach nicht Sinn der Sache…Podcasts kann ich auch zu Hause auf der Couch hören, oder notfalls beim Joggen.

Hier auf dem Bibb wollte ich mich beim Wandern zumindest ein wenig verausgaben und die abwechslungsreiche Landschaft entdecken, die in den Broschüren beschrieben war – aber das dauerte wohl noch, bis ich zur Küste kommen würde.

Nach zwanzig Kilometern erreichte ich die Yabberup Hütte und konnte dem Trailbuch entnehmen, dass ich heute Abend in der nächsten Hütte nicht alleine sein würde. Don war gestern in Collie gestartet und vor mir.

Nachmittags kam ich immerhin an einer Straße vorbei, an der die Mumballup Taverne stand. Nicht, dass ich eingekehrt wäre, aber es bot mal ein wenig Abwechslung zum Wald.

Die Strecke führte danach wieder auf einem alten Bahngleis entlang und um siebzehn Uhr erreichte ich die Noggerup-Hütte, wo Don schon ein gemütliches Feuerchen entzündet hatte.

Als ich ihm erklärte, dass ich in zwei Tagen „kurz“ nach Perth zurückfahren würde, um per Briefwahl an der Bundestagswahl teilzunehmen, erfuhr ich von ihm, dass es in Australien eine Wahlpflicht gibt. Wer grundlos nicht wählen geht, muss eine Strafe von um die 100 Dollar bezahlen.

Da mein Zelt noch pitschnass von der letzten Nacht war, ich es also unbedingt aufbauen musste und sowieso nicht gerne in der Hütte schlief, wenn noch jemand anderes anwesend war, überlies ich Don die Hütte, in welcher er schon seine umfangreichen Habseligkeiten, die ein Gesamtsortiment an Packbeuteln enthielten, ausgebreitet hatte und schlief im Zelt.

Auch der nächste Tag verlief ereignislos. Nach 23 Kilometern kam die Grimwade Hütte, wo ich den Käse und die Salami alle machte und dann ging es weiter durch den Wald. Es ging heute zwar auch wieder ein paar Hügel hinauf, aber nichts aufregendes.

Ab 16 Uhr suchte ich einen Platz für mein Zelt, da ich kurz vor Balingup war und hier keine Hütte mehr kam.

Nach einigem Suchen fand ich auch ein ebenes, weiches Plätzchen und ließ den Tag gemütlich ausklingen, indem ich unter anderem den Vorrat an Müsliriegeln vernichtete – schön, wenn am nächsten Tag der Resupply ansteht 🙂

Morgens musste ich mal wieder ein pitschnasses Zelt einpacken, da der ganze Wald in dichten Nebel gehüllt war.

Die letzten gut sieben Kilometer bis ins Zentrum von Balingup führten an Farmen und anderen großen Grundstücken vorbei und ich genoss es, mal etwas anderes als Bäume zu sehen.

Balingup ist ein wirklich gemütliches, ruhiges Nest mit vielen kleinen Geschäften und unter anderem einem tollen Café in welchem ich den Vormittag bei einem sehr leckeren Stück Kuchen und heißer Schokolade verbrachte.

Bevor der Bus um kurz nach dreizehn Uhr kam hatte ich auch noch die Gelegenheit das Zelt zu trocknen und eine Tüte Tortillachips zu verdrücken.

Im Bus gabs sogar einen USB-Anschluss an der Armlehne, so dass ich schon mal das Handy laden konnte. In Bunbury bin ich in den Zug umgestiegen und erreichte Perth sogar ein paar Minuten früher als geplant, die Post hatte aber trotzdem schon zu.

Das wusste ich ja aber vorher und wollte sowieso erst am nächsten Morgen dort hin.

Also steuerte ich den nächsten Supermarkt an und kaufte den Proviant für die nächste Etappe. Da es bis Pemberton nur knapp vier Tage dauern würde, war es gar nicht so leicht, so kleine Portionen zu finden bzw. würde das Essen mal wieder länger reichen, aber war nicht zu ändern und jetzt auch nicht so schwer, dass es ein Problem gewesen wäre.

Das gabs an ganz anderer Stelle, nämlich an der Kasse. Als ich die Kreditkarte wie gewohnt zum kontaktlosen Bezahlen an das Gerät halte, passiert nichts. Ein genauerer Blick auf die Karte zeigte mir einen langen Riss, der mitten durch den Datenchip verlief…hmmm…das dürfte dann wohl die Ursache sein.

Ich hatte zum Glück noch ausreichend Bargeld mit, um mein Essen mitnehmen zu können und war darüberhinaus heilfroh, dass mir das gerade jetzt passierte, wo ich in Perth war und damit Zugriff auf die Ersatzkarte in meinem Auto hatte.

Eine defekte Kreditkarte mitten auf dem Trail wäre richtig unangenehm gewesen. So konnte ich aber in der Bibliothek das Geld von einer Karte auf die andere schieben und die neue Karte aus dem Auto holen, in welchem ich sowieso die Nacht verbrachte. Das ist schon die dritte Kreditkarte auf meiner Reise und jetzt muss ich auch aufpassen, ist nämlich auch meine letzte…

Am nächsten Morgen stand ich pünktlich um acht Uhr vor der Post und war super gespannt, ob sich der Ausflug nach Perth auch wirklich gelohnt hatte. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob der Brief es pünktlich hierher geschafft hat.

Der Postmitarbeiter verschwand mit meinem Pass nach hinten und suchte…und suchte…und suchte…dauerte ganz schön lange, aber schlussendlich kam er zurück und hielt einen Brief in der Hand – yes! Ich musste grinsen, als ich ihn entgegennahm, weil ich mich so freute, dass es geklappt hatte – ich hielt meinen Wahlbrief in den Händen.

Kurzerhand funktionierte ich den Tisch im Postamt zur Wahlkabine um, machte meine Kreuzchen, las dreimal die Anleitung, wie ich das alles in die bunten Umschläge einzutüten hatte, um nichts falsch zu machen, und schickte meine Stimmen zurück nach Deutschland. Es war noch ausreichend Zeit, so dass der Brief pünktlich in Berlin sein sollte und ich war glücklich.

Damit war der Hauptgrund meines aktuellen Perthbesuchs erledigt und ich konnte mich einer nicht weniger wichtigen Thematik zuwenden – Essen.

Ich hatte zwar schon Sahnejoghurt mit frischen Heidelbeeren gefrühstückt, aber die Rückfahrt war lang und Gutscheine hatte ich auch noch, also stattete ich Burger King einen Besuch ab und verdrückte noch zwei Whopper.

Mittags erreichte ich wieder Balingup, füllte nochmal die Wasserflaschen auf und konnte dann die Wanderung auf dem Bibb fortsetzen.

An der Bushaltestelle in Richtung Bunbury, an welcher ich gestern gestanden hatte, wartete heute Don, den ich eigentlich abends in der nächsten Hütte wiedertreffen wollte. Er berichtete, dass er Knie- und andere Schmerzen bekommen hatte und für dieses Mal aufhören musste. Er fuhr zurück nach Perth. Tja, konnte man nix machen.

Ich machte mich dafür endlich auf den Weg. Zunächst ging es durch einen Park, in welchem Bäume aus aller Welt angepflanzt waren. Dazu gab es einen kleinen Teich und einen Barbequeplatz.

Auch danach war die Strecke abwechslungsreicher als in den letzten Tagen. Es ging nicht ausschließlich durch Wald, sondern auch durch Nadelwaldschonungen und sogar über ein Privatgrundstück und an treudoof glotzenden Kühen vorbei. Es machte Spaß und ich hatte gute Laune.

Nachdem ich erst auf ein wunderschönes Tal geblickt und dann den Weg hinunter gegangen war, musste ich allerdings feststellen, dass ich falsch war. Der eigentliche Trail befand sich irgendwo weiter links von mir…sehr viel weiter links, um genau zu sein.

Da ich aber keine Lust hatte, den Berg wieder hochzulatschen, wählte ich zunächst einen anderen vielversprechenden Weg, der allerdings nur parallel verlief und nicht auf den Bibb zurückführte.

War auch kein Wunder, links neben mir ragte nämlich ein steiler Hang empor…irgendwie musste ich aber zurück und ich war auch am Ende der Etappe, irgendwo auf dem Bibb stand also die Hütte und die wollte ich nun nicht unbedingt verpassen.

Also kletterte ich durch die kleinen Nadelbäume den Hang hinauf. Danach kam zugewachsenes Buschland und dann noch ein paar Bäume. Es war super steil, die Büsche kratzten meine Beine auf und ich kam ganz schön ins Schwitzen – dennoch musste ich daran denken, dass das hier immer noch besser war als große Teile des TA…tse…

Nach einiger Zeit erreichte ich den Kamm des Berges und da schlängelte sich ganz unschuldig und in voller Breite der Bibb entlang. Das wäre geschafft…aber in welcher Richtung steht nun die Hütte? War ich schon vorbei oder kam sie noch?

Da ich äußert ungerne zurück laufe, bin ich natürlich erstmal weiter gegangen – und einhundert Meter später kam das Zeichen für die Blackwood-Hütte, die sehr malerisch auf dem Berg stand und einen wunderschönen Ausblick auf das Tal bot, aus dem ich gerade hochgeklettert war. Hach schön, manchmal muss man auch Glück haben.

Die Sonne ging gerade unter und ich war alleine, so dass ich es mir in der Hütte bequem machen konnte.

Auch der Sonnenaufgang am nächsten Morgen war wunderschön, das Tal war unter einer dichten, weißen Decke versteckt, die sich nur langsam auflöste.

Die Strecke war jetzt wirklich angenehmer, es ging wieder an Farmen vorbei und beim Öffnen und Schließen der Tore wurde ich wiederholt an Neuseeland erinnert.

Auch der Wald sah jetzt anders und interessanter aus. Bisher war es ausschließlich durch verbranntes Gelände gegangen. Die Feuer mussten zwar schon ein paar Jahre her sein, aber das spärliche Unterholz und die schwarzen Stämme erinnerten noch daran.

Jetzt hingegen gab es richtig dichtes Unterholz und helle, fast weiße Stämme von den Karris. Das sind Eukalyptusbäume, die bis zu 90 Meter hoch werden können.

Der Weg war zwar immer noch überwiegend eine Forststraße, aber meine Füße hatten sich glücklicherweise mittlerweile daran gewöhnt und taten nicht mehr so doll weh und so konnte ich die Wanderung richtig genießen.

Und dann lag sie endlich mitten auf dem Weg – meine erste lebende Schlange, die ich in Australien gesehen habe. Sie war ganz schön groß, bestimmt einen Meter lang. Zusammengerollt, den Kopf in der Mitte, oben schwarz und unten einen gelben Streifen – bzw. ist wohl der gesamte Bauch gelb. Eine Tiger-Snake, wie ich später erfahre.

Leider bewege ich mich nochmal, bevor ich auf den Auslöser drücke und da schlängelt sie sich auch schon weg und ich kann nur noch den Schwanz fotografieren, der aus dem Unterholz hinausguckt.

Schade! Das war eine perfekte Gelegenheit…ich hoffe, ich sehe nochmal so ein schönes Exemplar.

Nach 18 km erreiche ich schon die Gregory Brook Hütte, die mitten im Wald an einem gurgelnden Bach liegt.

Nachmittags laufe ich noch 22km bis nach Donnelly River Village. Das ist ein Ferienhausdorf, welches jetzt aber so gut wie ausgestorben ist. Nur der General Store hat auf und jede Menge halbwilde Wallabies und Emus laufen herum.

Es gibt eine kostenlose Hütte für Wanderer, die aber so runtergeranzt ist, dass ich lieber mein Zelt in den Sand des Volleyballfeldes stelle.

Außer mir ist nur noch „Pack Animal“ da, der sich ein Bett im Bungalow genommen hat.

Pack Animal scheint auf dem Bibbulmun Track zu wohnen, zumindest ist er ihn schon mehr als 26 mal End-to-End gelaufen, wie die Aussies zu einem Thru-Hike sagen. Dieses Mal läuft er auch jeden Tag zwei Hütten, allerdings noch viel schneller als ich. Er ist meistens mittags schon am Ziel, geht dafür aber auch schon vier Uhr morgens los…jeder wie er mag, ich schlafe dann doch lieber bis halb sechs, damit ich im Hellen losgehen kann.

Allerdings bietet er mir an, am nächsten Morgen in dem Bungalow zu duschen, er würde einfach die Tür offen lassen. Zunächst lehne ich ab, da ich ja nicht bezahlt habe, aber letztendlich siegt die Aussicht auf eine reinigende Dusche doch und direkt nach dem Weckerklingeln schleiche ich mich in den leeren Bungalow und genieße eine wunderbare, warme Dusche.

Auch an diesem Tag stehen wieder vierzig Kilometer auf meinem Programm, durch den einfachen Weg ist das aber kein Problem und ich bin immer spätestens kurz nach 17 Uhr am Ziel. Die Tom Road Hütte ist nur 16 km entfernt, so dass ich schon kurz nach zehn Uhr da bin und ein sehr frühes Mittagessen zu mir nehme. Aber den Käse und die Salamisticks esse ich lieber gesittet an einem Tisch und mit Wasserhahn in der Nähe, als mitten im Wald…

Ich komme auch immer mal wieder an Stauseen und Dämmen entlang. Hier wird das Trinkwasser für die umliegenden Ortschaften gesammelt.

Ich vertreibe mir auch heute die Zeit mit Podcasts hören und bin 17 Uhr an der Boarding House Hütte, wo sich schon zwei Frauen ausgebreitet haben. Stört mich nicht, da ich sowieso mein Zelt aufstelle und mich nach dem Essen auch dorthin zurückziehe.

Immerhin stehen die beiden auch um halb sechs auf, auch wenn sie, als ich mit fertig gepacktem Rucksack vor der Hütte stehe, noch damit beschäftigt sind, Wasser zu kochen und einen Haufen Dinge in unglaublich viele Packbeutel zu stopfen.

Die übernächste Hütte ist heute gut 43 Kilometer entfernt, so dass ich mich zügig auf den Weg mache. Ausgerechnet heute liegen auch wieder ein paar Berge auf dem Weg und ich muss Muskulatur nutzen, die sich in den letzten Tagen auf den flachen Strecken eher ausgeruht hat.

Aber die Beavis Hütte erreiche ich gegen elf Uhr und liege damit gut in der Zeit. Eine Tiger-Snake habe ich auch weghuschen sehen, aber sie war deutlich kleiner, als die erste.

Kurz vorm Ziel komme ich am Beedelup Wasserfall vorbei und gegen viertel sechs stehe ich an der Beedelup-Hütte.

Auch hier sind schon zwei Damen anwesend. Dass „Meercat“ dort sein würde wusste ich, da ich ihren Verlauf im Trailbuch verfolgt hatte und klar war, dass ich sie heute einholen würde. Die andere Dame lief von Süden nach Norden.

Sie waren 54 und 60 Jahre alt und als Meercat erfuhr, dass ich den TA gelaufen bin, war sie mit Fragen nicht mehr zu bremsen, da sie den Trail auch für nächstes Jahr ins Auge gefasst hatte.

Also beantwortete ich den ganzen Abend geduldig die Fragen der beiden, die sich sowohl um den Trail als auch leichte Ausrüstung drehten. Ich kam fast nicht zum Essen und erst deutlich nach Einbruch der Dunkelheit in mein Zelt zurück, aber es war ein schöner Abend.

Ich war auch so entspannt, da ich wusste, dass am nächsten Tag nur ein halber Tag anstand.

Ich war nämlich nur 25 Kilometer von Pemberton entfernt, welches ich um zwölf Uhr erreichte.

Ich baute mein Zelt im Caravanpark auf und ging erstmal einkaufen. Leider ist Pemberton nicht so groß, dass es einen der beiden günstigen Supermärkte geben würde, so dass ich im relativ teuren IGA-Supermarkt Mühe hatte, etwas zu finden. Aber es gelang mir irgendwie und ich trottete vollbepackt zum Zelt zurück.

Wobei ich mich in den letzten Tagen sowieso mehr auf die Dusche und frisch gewaschene Klamotten als irgendetwas zu Essen gefreut hatte. Und so war ich nachmittags rundum zufrieden und genoss die Annehmlichkeiten der Zivilisation.

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