Twizel – Lake Ohau – Ahuriri Valley – Breast Hill Track – Southern Lakes – Wanaka

05.03. – 09.03., 5 Tage, 142 km, Gesamtkilometer: 2.585 km

Aufgrund der schlechten Wettervorhersage fällt der Besuch des Aoraki/Mount Cook leider aus und so habe ich auch keinen Grund, länger als nötig in Twizel zu bleiben. Seit einigen Tagen bin ich gar nicht mehr aufzuhalten und habe richtig Spaß daran, viel und lange zu laufen. Das liegt zum einen daran, dass es seit Lake Coleridge so gut wie keine Sandflies mehr gibt, so dass ich auch mal draußen stehen bleiben kann und Kondens gibt es interessanterweise morgens auch nicht, so dass ich schon seit Tagen ein trockenes Zelt einpacke, wenn ich es benutzt habe – das ist so toll! Und zum anderen will ich auch endlich in Bluff ankommen…Felix ist schon am 22. Februar durchs Ziel gelaufen und mittlerweile auf dem Weg zurück nach Deutschland und ich hänge hier immer noch rum…wobei das natürlich eine ganz schwierige Sache ist…einerseits möchte ich ankommen, um den Thru-Hike erfolgreich abzuschließen und nicht mehr jeden Tag den schweren Rucksack buckeln zu müssen, andererseits möchte ich dieses super schöne und einfache Trail-Leben nicht aufgeben und am liebsten noch ewig weiterlaufen…die klassische Zwickmühle aller Thru-Hiker…

Also lege ich keinen Zeroday ein, sondern laufe nach einem opulenten Frühstück und den letzten Mails los – der Blog muss dafür noch etwas warten…

Es ist mal wieder bestes Sommerwetter, keine Wolke am Himmel und ich frage mich, warum ich nicht am Mount Cook bin! Ich ärgere mich über die Wettervorhersage, aber mittags ziehen dann tatsächlich Wolken über den Bergen auf und so rede ich mir ein, dass es die richtige Entscheidung war…

In praller Sonne geht es erst an einem künstlichen See und dann am Lake Ohau entlang und ich verbrauche eine ganze Menge der frisch gekauften Sonnencreme. Ich habe Essen für sechs bis sieben Tage dabei, aber erstmals das Gefühl, dass es nicht viel zu viel ist. Ich habe mich wirklich zusammengerissen und nur wenig nachgekauft und das macht sich in einem annehmbaren Rucksackgewicht bemerkbar. In den letzten Tagen habe ich auch die Rückenschmerzen einigermaßen in den Griff bekommen, indem ich die Arme einfach mehr bewege. Vorher hatte ich die Hände immer unter die Rucksackträger gesteckt, aber wenn ich ganz normal mit den Armen schlenkere, lockert das die Muskulatur und sie verkrampft nicht so schnell. 

Am nächsten Tag geht es wieder über einen Sattel und dann durch das nächste Tal, immer am Fluss entlang. Nachmittags steht der nächste Superlativ des TA auf dem Programm – das Crossing des größten unbebrückten Flusses auf dem TA, dem Ahuriri River. Da ich ja schon den Rangitata gequert habe, bin ich eigentlich relativ zuversichtlich, dass das heute auch klappt, aber so ein klein bisschen Nervosität läuft schon den ganzen Tag über mit.

Der Ahuriri liegt in einem außergewöhnlichen Tal…der Fluss muss sich richtiggehend hineingeschnitten haben, die Ränder oben sind ganz gerade und es sieht soll aus.

Ahuriri River

Der Fluss ist so breit, dass ich nicht die gesamte Strecke überblicken kann, aber ich suche mir eine Stelle aus, die relativ flach aussieht. Bis zur Hälfte ist es unproblematisch, dann wird es auf dem letzten Stück doch nochmal tiefer. Das Problem ist, dass die Steine so glitschig sind, dass ich keinen richtigen Halt bekomme – und dann kommt auch noch starker Wind auf. Also stehe ich mitten im Fluss und komme erstmal nicht weiter. Ich warte, bis der Wind sich wieder etwas gelegt hat und versuche vorsichtig den Fuß nach vorne zu setzen. Ich habe leider keinen Stock dabei, weil es vorher keine Bäume gab und so muss ich ohne Hilfe das Gleichgewicht halten. Ich bin ein Schrittchen weiter…also das nächste Bein…das Wasser strömt so schnell um mich herum, dass ich gar nicht mehr auf die Wasseroberfläche sehen kann, ohne dass mir schwindlig wird, aber hilft ja nix…dann geht mir das Wasser bis über die Knie und ich wackel verdächtig…oh nein…nicht schon wieder! Ich sehe mich schon im Wasser liegen, aber ich kann mich halten. „Ich stehe das, ich stehe das!“, sage ich immer wieder zu mir und spüre, dass die Strömung nicht so stark wie bei den anderen Flüssen ist, so dass ich auch bei diesem tiefen Wasser stehen bleiben und vorankommen kann. Also weiter…noch zwei, drei kleine Schrittchen und einige größere Wackler und dann bin ich wirklich drüben! Halleluja… ich bin mal wieder fix und fertig, aber froh, dass ich trocken rübergekommen bin.
Anstatt dann mit einer vernünftigen Steigung aus dem Tal herauszukommen, führt der Weg einfach schnurgerade an dem Hang hinauf…die Steine sind locker und rutschen weg und ich krabbel auf allen vieren hoch…aber auch das schaffe ich ohne größere Komplikationen und dann laufe ich noch neun Kilometer bis zu einer privaten Hütte, neben der man gut zelten kann.

Am nächsten Tag ist es bewölkt, Nachts hatte es leicht geregnet – muss ja auch mal sein, nach den vielen sonnigen Tagen habe ich schon die ganze Zeit mit schlechtem Wetter gerechnet. Nun gut, stört mich weniger, bin ja kein Schönwetterwanderer. Also mache ich mich an den Anstieg zum Marthas Saddle auf 1.680 Metern Höhe. Durch die tiefhängenden Wolken kann ich den Weg nur ein paar Meter überblicken was dazu führt, dass ich nicht weiß wie weit es noch bis zum höchsten Punkt ist…irgendwie blöd, weil ich mir die Kräfte nicht einteilen kann. Nach jeder Kurve denke ich, das war die letzte – bis zur nächsten und nächsten und nächsten. Es regnet jetzt bzw. laufe ich direkt durch die Wolken und auf einem Teilstück mischen sich sogar einige Hagelkörner dazwischen.

Irgendwann kommt dann doch die letzte Kurve und ich stehe auf dem Sattel und habe natürlich null Aussicht. Da ich mir aber vorstellen kann wie es aussieht und mir auch ziemlich kalt ist, laufe ich gleich weiter. Es ist weiterhin ein alter Fahrweg, so dass es sich relativ gut läuft und ich sollte eigentlich in den angegebenen anderthalb Stunden die nächste Hütte erreichen – dort muss ich mich dann erstmal aufwärmen, ist richtig kalt hier. Ich laufe zügig den Berg hinunter ins Tal und obwohl es hier unten trockener ist wird mir nicht warm…im Gegenteil…der Wind pfeift mir um die Ohren und meine Finger werden steif…wo bleibt nur die verdammte Hütte? Als ich meine, sie endlich in der Ferne zu sehen, stellt sich der große dunkle Fleck als ein eckiger Felsblock heraus…och Menno…mir ist wirklich kalt!!! Ich muss nochmal einen guten Kilometer laufen, bevor endlich die Toilette auf einer Anhöhe auftaucht. Das ist eigentlich ganz lustig, dass man oft als erstes das Toilettenhäuschen sieht und erst später die eigentliche Hütte. Ich muss auch dringend mal, aber dann passiert das, was ich befürchtet habe…aufgrund der steif gefrorenen Finger bekomme ich die Hose nicht mehr zu…es dauert eine ganze Weile und bedarf einiger Geduld, bis ich es doch hin bekomme und endlich in die Hütte kann. Dort ist es deutlich wärmer, ich ziehe meine Daunenjacke und die Regenhose an und koche mir zum ersten Mal auf dem Trail Mittags eine warme Nudelsuppe…mir ist wirklich kalt!

Nach einer knappen Stunde bin ich zumindest soweit wieder aufgetaut, dass ich weiterlaufen kann, zumal jetzt auch der erste Sonnenstrahl durch die Wolken lugt. Im Laufe des Nachmittags wird es noch richtig schön und warm, auch wenn es noch eine ganze Weile dauert, bevor ich das erste Mal wieder schwitze. Es geht viel durch Wald hindurch, wobei auch hier viele Teile des Weges durch das Unwetter im Januar einfach weggespült sind.

Mein Freund der Baum

nach oben fotografiert – hier geht es rauf!

Zum Feierabend beginnt der Anstieg in Richtung Breast Hill. Eine Stunde geht es steil bergauf zur Stodys Hut, eine alte Hütte, die keinen richtigen Fußboden hat, sondern auf festgetreteten Steinen steht…hmmm…aber es ist zu kalt zum zelten und einen ebenen Platz gibt es auch nicht, also schnappe ich mir eine Matratze in der Hütte.
Abends kommt Sarah noch dazu, die Amerikanerin, die ich in den letzten Tagen schon öfter getroffen hatte. Gleich nachdem wir uns schlafen gelegt haben, laufen die ersten Mäuse durch die Gegend und durchsuchen meine Mülltüte, die noch auf dem Tisch steht…stört mich im Grunde nicht, aber es raschelt so laut, dass ich irgendwann doch aufstehe und die Tüte – samt einer Maus, die nicht mehr rausspringen konnte – vor die Tür setze…die Maus läuft völlig unbeeindruckt sofort unter der Hütte wieder ins Innere…ich lege mich wieder hin, aber jetzt nehmen sie sich meinen Rucksack vor. Grrrrrr….also stehe ich wieder auf und versuche den Rucksack an einen Haken zu hängen, der vor dem Kamin von der Decke baumelt. Der Rucksack ist mit dem Essensbeutel aber so schwer, der Haken so hoch und der Boden so uneben, dass ich stolpere und auf den großen Holzstamm falle, der quer vor dem Kamin liegt…AUA!!! Fu..!!! Meine gesamte linke Seite ist lediert, der vierte Zeh tut richtig doll weh (und läuft in den nächsten Tagen rot-blau an), an der Hüfte bildet sich ein großer blauer Fleck und an der Handfläche ist ein kleines Stück Haut abgeschmirgelt, so dass ich jetzt auch noch ein Pflaster rauskramen und mich verarzten muss…grrrrr…dann lege ich mich wieder hin in der Hoffnung nun endlich schlafen zu können, aber nun kramen die Mäuse in der Plastetüte, die noch neben mir liegt. Dort ist nichts zu Essen drin, aber es dauert eine ganze Weile, bis alle Mäuse dieser Hütte das herausgefunden haben…nächstes Mal suche ich mir wohl doch wieder ein Plätzchen für mein Zelt…wobei ein Pärchen an der Royal Hut auch eine Maus in ihrem Zelt hatte – war ein großes Gezeter morgens um halb fünf, das wir auch in der Hütte gehört hatten.

Der nächste Morgen ist wieder richtig kalt, vier Grad Celsius in der Hütte. Ich mache mich zügig auf den Weg um warm zu werden, aber selbst als die Sonne dann raus gekommen ist, wird es nicht warm…der Wind weht nur leicht, ist aber so eisig, dass er ausreicht, um die Wärme der Morgensonne abzuwehren…meine Finger werden schon wieder steif…ich überlege woran das liegt…ist es die Lage des Breast Hill direkt an dem großen See, ist es noch die Nachwirkung des gestrigen bewölkten Tages oder ist das tatsächlich schon der Herbst, der hier Einzug hält!?! Hoffentlich nicht letzteres…der Sommer hat doch so spät begonnen, der kann doch nicht schon wieder vorbei sein!

Die phänomenale Aussicht vom Breast Hill entschädigt dann aber für alle Erfrierungen und Mäuseknabbereien…es ist einfach so toll ganz oben auf einem Berggipfel zu stehen und die gesamte (umliegende) Welt zu sehen…ich kann Lake Hawea Village und Wanaka sehen, die beiden nächsten Städte, durch die ich durchkomme. Und den Lake Hawea natürlich, der genauso blau und riesengroß vor mir liegt, wie schon die anderen Seen dieser Gegend. Hier ist ein See blauer und größer als der andere und es gibt in den umliegenden Bergen auch viele Gletscher, die ursächlich für die Entstehung der Seen waren.

Lake Hawea vom Breast Hill

Während ich auf dem Gipfel gemütlich eine Rolle Oreo-Kekse knabbere, muss ich mal wieder an das Thema denken, dass uns Hiker schon die ganzen letzten Tage beschäftigt…wir sind bald da! Es sind jetzt nur noch gut vierhundert Kilometer bis nach Bluff – das ist nicht viel! Und ich bin wirklich zwiegespalten, ob ich mich freuen und weiter in diesem hohen Tempo auf das Ende zusteuern oder ob ich nicht lieber abbremsen und das Ende noch etwas hinauszögern sollte…hmmm…ich weiß ganz genau, dass ich dieses einfache, unkomplizierte und schöne Leben auf dem Trail vermissen werde, wenn es vorbei ist – alle Thru-Hiker fallen danach in ein Loch – aber das ändert sich auch nicht, wenn ich noch ein, zwei Wochen länger brauche…und immerhin bin ich in der glücklichen Lage nicht direkt danach zurück nach Deutschland fliegen und arbeiten zu müssen…insofern entscheide ich mich dafür, nicht bewusst abzubremsen, sondern einfach in dem Tempo zu laufen, dass mir Spaß macht. Und momentan bedeutet das eben oft 30+x-km-Tage. Dafür will ich noch einige Abstecher machen, die sorgen dann schon dafür, dass ich noch nicht in zwei Wochen in Bluff sein werde 😉
Auf dem Weg vom Breast Hill nach unten, der mal locker 950 Höhenmeter überwindet, klettert man auf dem Kamm einer sehr felsigen Bergkette hinunter, macht aber Spaß – und es wird deutlich wärmer 🙂

Nachmittags gehts am See entlang und jetzt ist es wieder so schön sommerlich warm, wie ich es von den letzten Tagen gewohnt war, so dass ich kurz überlege baden zu gehen, es dann aber doch lasse.

Neuseeland-Falke

Am nächsten Tag sind es nur noch zwölf Kilometer bis nach Wanaka – die erste größere Stadt seit Nelson! Dort wartet meine Bouncebox mit dem dritten Paar Schuhe auf mich – die brauche ich auch dringend, das Profil des aktuellen Paars hat teilweise schon Slicks-Charakter…
Gleich morgens treffe ich Sarah wieder und wir laufen gemeinsam bis nach Wanaka. Das ist schon ihr vierter Thru-Hike und ich frage ihr Löcher in den Bauch über den PCT und AT, die sie beide schon gelaufen ist. Als wir schon am Lake Wanaka entlanglaufen, kommen uns zunehmend Fahrradfahrer und Spaziergänger entgegen, die alle gut nach Waschpulver und Duschgel duften. Ich mache eine entsprechende Bemerkung über unsere nicht so angenehme Duftnote und Sarah hat eine interessante Theorie…sie meint, dass die Städter unseren Gestank gar nicht so stark wahrnehmen wie wir selbst, weil deren Geruchssinn durch die ganzen künstlichen Düfte, denen sie täglich ausgesetzt sind, sozusagen vernebelt ist. Und weil wir schon seit Monaten fast nur in der Natur unterwegs sind und dort schnüffeln, riechen wir viel intensiver und nehmen die Gerüche stärker wahr…hmmm…ich hoffe, dass sie Recht hat und die anderen vielleicht nicht wirklich genau das riechen, was ich selbst von mir wahrnehme…

In Wanaka quartiere ich mich wieder im Holiday Park ein – hier findet die nächsten zwei Tage eine große Pferde-Landwirtschafts-Show statt, so dass die ganze Stadt ausgebucht ist und ich noch geradeso ein kleines Zeltplätzchen abbekomme. Und jetzt: zwei Ruhetage!!! Die habe ich mir verdient, denke ich…

3 Gedanken zu “Twizel – Lake Ohau – Ahuriri Valley – Breast Hill Track – Southern Lakes – Wanaka

  1. Karin und Uwe Hix schreibt:
    Avatar von Karin und Uwe Hix

    Gratulation zu den herrlichen Berichten. Die Auswirkungen der Mäuseinvasion waren leider für Dich nicht so gut. Wenn Du unterwegs eine Katze triffst, mache ein Foto von ihr und halte
    beim nächsten Mäusebesuch dieses Bild der Maus vor die Augen.
    Viel Spaß für die restliche Strecke.

    Gefällt 2 Personen

  2. kaiausberlin schreibt:
    Avatar von kaiausberlin

    Das ist wieder ein wunderschön geschriebener Beitrag 🙂

    Und vor allem die Bilder sind atemberaubend 🏞🌅🗾

    Vlt kannst du oben bei der Datumsangabe aus Februar noch März machen 🤓 ansonsten bin ich wie immer hellauf begeistert 😎😉

    Mach weiter so und halt die Ohren steif 😉

    Gefällt 1 Person

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