05.08.2022, Tag 12, 21km, Gesamtdistanz 294 km
Die letzten drei Nächte waren wolkenlos und ich konnte den wunderschönen Sternenhimmel direkt aus meinem Tarp heraus bestaunen. Der große Vorteil gegenüber einem geschlossenen Zelt. 🙂
Dafür war es heute Nacht spürbar kälter als zuvor und ich musste am frühen Morgen meine Daunenjacke überziehen.
Ich bin noch früher als sonst wach und stehe dann einfach schon auf, wird sowieso ein langer Tag, da kann es nicht schaden, früh zu starten.
Mit eisigen Fingern packe ich das vom Kondenswasser nasse Tarp ein und wandere los.
Es sind nur noch wenige Minuten bis zur Sonnenschienalm, wo noch alles ruhig ist und ich nur schnell Wasser auffülle, bevor ich weiter durch die erwachende, sich durch die aufgehende Sonne schnell aufwärmende Landschaft wandere.
Ich liebe die Morgenstunden, in denen alles noch friedlich und frisch ist.

Die Kälte vom Morgen ist schnell vergessen und weicht dem Bedürfnis nach schattigen Wegen in der immer höher steigenden Sonne.
Es geht abwechslungsreich auf engen Pfaden über Almen und durch dicht bewachsene Waldstücke. Auf einem großen Teil des Weges bin ich von riesigen Felswänden beschützt. Die Hörndlmauer thront majestätisch rechts neben dem Weg und bietet Schatten und ein Gefühl der Demut.
Meine Frühstückspause verbringe ich in Begleitung eines Rudels Gemsen, die den direkten Weg nach oben über das Geröllfeld nehmen.



Über die Kulmalm geht es weiter zum Neuwaldeggsattel, dem ersten heutigen Anstieg. Ich schnaufe schon wieder ganz schön und muss Pausen machen, aber ich schaffe es und kann in der prallen Sonne immerhin meine Ausrüstung trocknen. Ich selbst mache im Schatten meines Schirms Pause, dafür ist er einfach unbezahlbar.

Dann geht es weiter zum Hirscheggsattel. Glücklicherweise behält der Weg fast die Höhe und es gibt durch den dichten Bewuchs an Krüppelkiefern und Erlen manchmal auch schattige Abschnitte.
Die Strecke ist ziemlich spannend, quert man doch auf einem super schmalen, durch das teils noch nasse Gras, rutschigen Pfad einen super steilen Abhang – immer mit Blick in die unendliche Tiefe, in die man bei einem Fehltritt rutschen würde.

Ich ärgere mich, dass ich auf dem Neuwaldeggsattel keine Schmerztablette genommen habe, muss im Laufe des Tages dann aber sowieso feststellen, dass die leider nicht gegen die Rückenschmerzen helfen.
Vom Hirscheggsattel genieße ich kurz die tollen Rundumblicke und dann geht es glücklicherweise erstmal nur bergab. Wobei das natürlich den Haken hat, dass ich das später alles wieder hoch kraxeln muss, anstatt auf der Höhe bleiben zu können.



Ich klammere mich an meinen Schirm und der Abstieg ist ganz angenehm, abwechslungsreich und am Ende sogar in einem schattigen, kühlen, dunklen Kiefernforst – ein erfrischender Traum auf der heutigen Etappe.
Es ist schon nach 13:00 Uhr, als ich in Präbichl eintreffe und die Sonne gibt alles. Hier unten sind es 27°C, oben auf dem Reichenstein sollen es laut Wetterapp gerade 33°C sein. Erst für heute Nacht sind Gewitter und Regen angesagt und ich überlege ernsthaft, ob ich jetzt wirklich noch die 900 Höhenmeter zur Reichensteinhütte hochkraxeln soll.

Mein niedriger Kreislauf macht mir seit ein, zwei Tagen Probleme. Weiß nicht, ob das nur an der Hitze oder auch an der allgemeinen Erschöpfung liegt. Vielleicht auch an dem wenigen Essen, welches ich mir in den letzten zwei Wochen gegönnt habe. Das werde ich für die letzte Wanderwoche auf jeden Fall umstellen. Hinzu kommen die Rückenschmerzen, die den Rucksack nach wenigen Schritten zu einer einzigen Qual werden lassen.
Ich grübele jedenfalls, ob ich nicht direkt nach Trofaiach fahren sollte, sehe dann aber, dass in ein paar hundert Metern ein Gasthof kommt. Also erstmal dort Pause machen und Holunderlimo trinken. 🙂
Der Anstieg wird mit 2,5 – 3h angegeben…und wenn ich Glück habe, ist in der Hütte ja noch ein Lager frei und ich muss nicht wieder absteigen, um mir einen Zeltplatz zu suchen?
Ich will es probieren und mache mich kurz nach 14:00 Uhr auf den Weg zum Reichenstein.
Tja, was soll ich schreiben…war kein schöner Anblick für all die anderen WanderInnen, die mich mitleidig angeschaut haben, wenn ich mal wieder japsend am Wegrand saß. Und für mich war es auch alles andere als ein schönes Erlebnis, bis zur Hütte zu kommen. So schwer viel mir ein Anstieg noch nie, ich war komplett am Ende und bei Erreichen des ersten Sattels ganz kurz davor umzudrehen.
Immerhin habe ich als Trail-Freak die anderen amüsiert, war ich doch die einzige, die nicht in bunten Funktionsklamotten, sondern mit Baumwollhose – und -Shirt und dann auch noch mit Schirm unterwegs war. Mit Schirm! Ein Wanderer meinte geradeheraus zu mir:“ Ja, sieht schon blöd aus, aber wenn’s hilft.“
Und ja, der Schirm hilft als Sonnenschutz ungemein! Ich habe auch eine Mütze mit, aber die direkte Sonneneinstrahlung abschirmen zu können ist einfach sehr viel effektiver und hilfreicher.
Nach knapp 3 Stunden bin ich jedenfalls oben und einfach nur froh, dass ich unterwegs nicht zusammengeklappt bin und niemand die Bergwacht angerufen hat.

Es ist auch noch ein Lager für mich frei, so dass ich heute nicht mehr weiter muss. Hätte ich wohl auch nicht geschafft.
Ein junger Kerl, der mich kurz vorm Gipfel mit einem großen, schweren Rucksack spielend überholt hatte, stellt sich als Hüttenmitarbeiter heraus – der Aufstieg ist sein Arbeitsweg! Und wahrscheinlich hat er einiges der leckeren Köstlichkeiten, die die Hütte uns hungrigen Wanderern anbietet, gerade hochgetragen.
Ich genieße den Abend in der Gaststube, wobei sie mir persönlich durch den bullernden Kachelofen zu warm ist, und verziehe mich früh ins Bett. Zunächst sind wir nur zu dritt in dem Zimmer, nachts füllen sich die Räume dann aber noch mit jeder Menge anderer Wanderer.






