Tag 5, 29.07.2022, 31,5 km, Gesamtdistanz 128 km
Ich habe wunderbar geschlafen auf dem duftenden Minzbett. Morgens bin ich sogar noch müde und könnte gut weiterschlafen, aber da sich der angekündigte Regen nicht eingestellt hat, nutze ich die Gelegenheit, wieder ein trockenes Zelt einzupacken und mache mich auf den Weg.
Ich passiere das Örtchen Schönbühel, welches durch das imposante Schloss auffällt und fülle erstmal meine Wasserflaschen auf. Jetzt kann der Tag kommen.

Highlight des heutigen Tages ist auf jeden Fall Melk. Bevor ich dort aber so richtig eintreffe, finde ich direkt am Ortseingang ein Sportgeschäft, wo ich neue Socken kaufen kann.
Meine ach so tollen Darn Tough Socken sind nämlich komplett durch. Die US-Firma wirbt mit besonderer Langlebigkeit und in den USA hat man ein lebenslanges Umtauschrecht. Meine Erfahrung zeigt jetzt, das sie auch nicht länger als andere Wandersocken halten (wenn überhaupt so lange) und das Umtauschrecht gibt es hier natürlich auch nicht.
Insofern kaufe ich ganz normale Laufsocken, die es allerdings nur in weiß gibt…naja, mein Paar ist die längste Zeit weiß gewesen. Jetzt, wo es mir gehört, wird es sehr schnell gedecktere Farbtöne kennen- und liebenlernen.
Die Stadt Melk, welche schon 831 erstmals urkundlich erwähnt wurde (Stadt seit 1898), ist Heimat des beeindruckenden Benediktinerstifts.
Das Kloster scheint unendlich groß zu sein und thront majestätisch über der gesamten Altstadt. Schon als ich mich von Osten her nähere, leuchten mir die gelben Steine entgegen.

Es ist eines der bedeutendsten barocken Baudenkmäler Europas (sagt mein Wanderführer) und ich bin sofort begeistert. Wie schön muss es sein, in der Altstadt von Melk zu wohnen und jeden Tag das Kloster sehen zu können?
Ich möchte es mir unbedingt ansehen – aber nicht heute und nicht während einer Wanderung. Bei der Besichtigung kommen wahrscheinlich locker fünf Kilometer zusammen, und die Kraft und Zeit habe ich jetzt nicht. Aber das Benediktinerstift Melk ist dick in meine To-Do-Liste eingetragen.
Ich setze mich derweil auf den Hauptplatz (natürlich mit Blick auf das Kloster), ziehe Schuhe und Socken aus und mache eine ausgedehnte Pause, um den aktuellsten Blogartikel zu veröffentlichen.
Danach schlendere ich noch durch die schöne Altstadt und fülle meinen Proviant auf.







Nach drei Stunden ist es aber höchste Zeit weiterzugehen, ich habe heute noch einiges an Strecke eingeplant. Denn alles was ich heute schon erwandere, bringt mich morgen früher in meine Unterkunft. 🙂
Der Weg aus der Stadt ist dann nicht ganz so schön, es geht sogar über die Autobahn und ich bin froh, als ich wieder im Grünen bin.
Es geht jetzt langsam aber stetig auf den Hiesberg hinauf. Die meiste Zeit auf der Straße, nur das letzte Stück dann im Wald und dafür wieder steiler. Der Weg ist fast zugewachsen und ich frage mich immer öfter, ob der Nord-Süd-Weg wirklich der beliebteste von den zehn österr. Weitwanderwegen ist. Ich habe in den letzten fünf Tagen noch nicht eine/n Wanderin/er getroffen! Also entweder ist das eine veraltete Aussage oder die anderen neun Wege werden gar nicht begangen. Eigentlich schade, dass hier niemand ist, mit dem man sich austauschen kann.
An das Gipfelerlebnis knüpfe ich heute keinerlei Erwartungen, ich lerne schließlich dazu.
Dann gibt es allerdings eine positive Überraschung. Auf dem Gipfel steht nicht nur eine große Hütte mit buntem Klo und Spiegel daneben. Nein, was mich sofort anzieht ist ein großer Busch Brombeeren.
Die schwarzen Früchte glänzen in der Sonne und sehen so appetitlich aus, dass ich zugreife, obwohl ich Brombeeren eigentlich nicht so mag.


Dachte ich zumindest bis jetzt immer – ich habe offensichtlich schon seeeehr lange keine reifen Waldbrombeeren mehr gegessen! Sie sind einfach köstlich, zuckersüß und auf den Punkt reif.
Nach der ersten Handvoll stelle ich den Rucksack ab und gehe wieder zurück zum Busch, das kann ich mir nicht entgehen lassen. Es gibt soooo viele – wie gut, dass so wenige den NSWW laufen, so habe ich alle Beeren für mich alleine 😉
Natürlich werde ich sofort, wenn ich mich einem Busch nähere, von einer Armee an Stechinsekten angegriffen, aber dieses Mal ist es mir fast egal. Nehmt mein Blut! Wenn ich dafür diese köstlichen Brombeeren bekomme. Mjam.
Irgendwann kann ich mich aber doch losreißen und wandere den Heisberg hinab. Glücklicherweise wird der Weg weiter von üppigen Brombeerbüschen flankiert, so dass ich nur sehr langsam und laut schmatzend vorankomme.
Danach komme ich an vielen Feldern vorbei, die mit leckeren Feldfrüchten bepflanzt sind. Mais, Bohnen, Kartoffeln und Kürbisse (die ich als Stadtkind morgens noch für große, runde Zucchini gehalten hatte) warten sehnsüchtig auf den nächsten Regen. Der soll heute Nacht dann auch kommen – und morgen regnet es laut der Vorhersage komplett durch. Einer der Hauptgründe, warum ich mir für morgen eine feste Unterkunft gebucht habe.


Nachmittags passiere ich noch St. Leonhard, das aber nicht so spannend ist und gegen 17:00 Uhr finde ich hinter einem Maisfeld ein fast perfektes Plätzchen für mein Zelt. Im Halbschatten unter einem Apfelbaum – und einer Mistel!
Freue mich schon total auf die Unterkunft morgen – duschen, Wäsche waschen, Strom aufladen. Die drei wertvollsten Dinge des Wanderinnenlebens. 🙂










