Oytal – Edmund-Probst-Haus – Hinterstein

20.08.2021, 5. Tag, 19 km, Gesamtdistanz 122 km

Der Wecker klingelt um sechs Uhr und knapp eine Stunde später bin ich auf dem Weg zum Wegweiser, der den Beginn des Wanderweges anzeigt. Hier bin ich gestern Abend schon vorbeigekommen.

Es geht in Richtung Nebelhorn über den Gleitweg und laut Höhenprofil steht mir jetzt einige Anstrengung bevor. Es sind vier Stunden veranschlagt, na mal schauen…

Ich hatte gestern ja schon staunend überlegt, wie und wo es hier hoch gehen soll. Nun würde ich es bald wissen.

Zunächst geht es über die Wiese und dann in ein Waldstück hinein. Immer steil bergauf versteht sich.

Von oben hat man wunderschöne Sicht in das Oytal.

Oytal von oben

Nach dem Waldstück kommt Wiese und dann immer wieder vereinzelte Baumgruppen, die hier hoch oben am Berg ein Waldgefühl entstehen lassen, was ich sehr interessant finde.

Der Weg schlängelt sich zwar oft in Serpentinen hinauf, aber die Steigung ist trotzdem so massiv, dass ich oft meine Hände zu Hilfe nehmen muss oder Seile gespannt sind, damit man nicht abrutscht.

Über eine Stunde kämpfe ich mich nach oben, dann wird es etwas weniger steil, aber ich bin noch lange nicht am Ziel.

Zunächst geht es jetzt zum Seealpsee, der glasklar in 1.622 Metern Höhe am Südost-Hang des Schattenberges liegt. Er ist mit 45 Meter Tiefe und einer Größe von ca. 75.000 qm der größte und tiefste Bergsee der Allgäuer Alpen.

Seealpsee

Die Wasseroberfläche ist so ruhig und glatt, dass sich jeder einzelne Grashalm des Schattenberges zu spiegeln scheint – wunderbar!

Vom Seealpsee geht es noch ein kurzes Stück weiter bis zu einer Alpe. Danach wird der Pfad zu einem bequemen Schotterweg, auf welchem sich die letzten Höhenmeter bis zum Zeigerpass relativ angenehm laufen.

Plötzlich höre ich ein lautes, sich wiederholendes Pfeifen. Die Wanderinnen hinter mir schauen aufgeregt den Hang hinauf und ich kann ganz oben auch ein kleines, braunes Tier erkennen. Die Wanderin tippt zunächst auf einen Marder oder ähnliches. Es stellt sich aber schnell als Hund heraus. Dieser macht Jagd auf ein Murmeltier, welches etwas weiter unten am Hang steht und laut pfeifend seine Artgenossen warnt. In letzter Sekunde verschwindet es im Bau, bevor der Hund seinen dicken Kopf in das Loch steckt. Zum Glück ohne Erfolg, da das Murmeltier sicherlich schon einige Meter entfernt ist. Die Wanderin sagt zu ihrer Freundin:“Hier sollte man Hunde nur angeleint mitführen“ und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Es kommen mir jetzt immer mehr andere Wanderer und Wanderinnen entgegen und als ich den Zeigerpass gegen elf Uhr erreiche, kann ich auf der anderen Seite auch die „Quelle“ entdecken – das Edmund-Probst-Haus mit der Nebelhornbahn aus Oberstdorf.

Blick auf Edmund-Probst-Haus und Nebelhorn

Hier oben ist jetzt richtig viel los. Jung und Alt spazieren oder wandern über die Wege und ich nutze die Infrastruktur, um Wasser aufzufüllen und mal wieder richtig Hände zu waschen.

Die Nebelhornbahn befördert aus Oberstdorf immer neue Wanderinnen hinauf und wer ganz mutig ist, fährt mit einer zweiten Seilbahn bis hinauf zum Nebelhorn – welches sich gerade standesgemäß hinter sichten Wolken versteckt. Sie lustig aus, wie die Gondeln im weißen Nebel verschwinden.

Nach der Pause geht es für mich weiter. Auf dem nächsten Pass denke ich zunächst, dass ich ganz hoch auf den Grat muss, wo richtig viele Menschen unterwegs sind. Wie an einer Schnur aufgefädelt klettern sie über den Grat und das sieht mir doch sehr hoch und sehr bergsteigerisch aus.

Es stellt sich an der nächsten Kreuzung jedoch heraus, dass ich da nicht lang muss, sondern parallel zum Grat auf einem deutlich entspannteren Weg in Richtung Engeratsgundsee unterwegs sein werde. Die Strecke bleibt in etwa immer auf gleicher Höhe, so dass ich das Balancieren und Klettern über die Felsbrocken genießen kann.

Oben auf dem Grat kann ich den ganzen Tag über eine lange Kette kleiner, schwarzer Figürchen beobachten, die teils mithilfe von Seilen und Leitern über die Felsen klettern. Die Faszination am Bergsteigen kann ich irgendwie nicht nachvollziehen, mir sind die „normalen“ Wanderweg-Anstiege schon anstrengend genug, aber jeder wie er mag. Nachmittags verlässt ein Rettungshubschrauber mit einer Personenkapsel unten am Seil den Grat in Richtung Oberstdorf – haben es heute wohl leider nicht alle heil heruntergeschafft.

Kletterer in luftiger Höhe

Mein Wanderweg ist wunderschön und oft von einem wahren Blütenmeer eingefasst. Neben Enzian und Arnika erkenne ich leider nicht viele der Pflanzen, aber schön sieht es auf jeden Fall aus.

Alpenblühn

Ich komme am Koblat- und Laufbichelsee vorbei, die ebenfalls glasklar sind und ruhig zwischen den Berggipfeln liegen.

Zum Glück ist es einigermaßen bewölkt, am Nachmittag kommt die Sonne zunehmend zum Vorschein und dann ist es aber schon wieder viel zu warm zum Wandern. Deswegen freue ich mich über die Wolken, zumal sie keinen Regen mitgebracht haben.

Am Gipfel vor dem Laufbichelsee kann ich in der Entfernung plötzlich einen riesigen, wunderschönen Berg erspähen, dessen runde Kuppe langsam aus den Wolken auftaucht und völlig solitär über alle anderen Gipfel ragt. So etwas Majestätisches habe ich noch nicht gesehen, ich bin hin und weg. Auf den nächsten Metern wendet sich mein Blick immer wieder zu dem Berg und ich muss unbedingt noch herausfinden, welcher das ist.

Am Engeratsgundsee muss ich einen letzten, kurzen aber knackigen Anstieg zu einem Pass bewältigen, und dann geht es heute nur noch bergab.

Wird auch Zeit, ich bin nämlich ganz schön geschafft. Auch wenn die Distanzen hier in den Bergen vergleichsweise gering ausfallen, durch die zu bewältigenden Höhenmeter und die Wegbeschaffenheit können auch zehn Kilometer schon super anstrengend sein.

Auch dieser Hang ist mit einem Blumenmeer bedeckt und ich gehe frohen Mutes in Richtung Tal. Hier stehen auch wieder glückliche Kühe auf den Wiesen und lassen mich problemlos vorbei.

Da ich bergab immer super langsam bin, brauche ich mehr als anderthalb Stunden, bis ich den Wald erreiche.

Dort geht es weiter steil bergab und meine Füße und mein ganzer Körper rufen lautstark nach einem frühen Feierabend. Aber ich muss erstmal bis nach unten kommen, um dann nach einem geeigneten Platz für mein Zelt zu suchen.

Um 16:00 Uhr habe ich dann endlich den Abstieg hinter mir und nun wären es noch neun Kilometer bis Bad Hindelang. Die laufe ich heute aber definitiv nicht mehr, sondern mache erst noch eine Pause auf großen Holzstämmen, die am Wegesrand liegen. An dieser Kreuzung ist ein Weg mit „Wegende in 100 Metern“ ausgeschildert. Das ist doch perfekt für mich, vielleicht kann ich da hinten irgendwo zelten?!?

Als ich wieder losgehe muss ich feststellen, dass ich das Ladekabel für mein Handy verloren habe. 🙁 ich hatte unterwegs über die Powerbank den Akku aufgeladen und dann alles in meiner seitlichen Hosentasche. Das Kabel muss rausgerutscht sein, als ich das Handy zum Fotografieren rausgezogen habe.

Na toll…ich verliere eigentlich super selten Dinge auf meinen Wanderungen. Und dann ausgerechnet das Handyladekabel. Ich kann nur hoffen, dass ich morgen in Bad Hindelang ein neues bekomme, bin aber sehr zuversichtlich.

Mit leicht geknickter Stimmung wandere ich die Sackgasse entlang, an deren Ende sich eine große Wiese befindet. Das Tor ist offen und ich finde hinter dem Grundstück einen weiteren Weg, der mich schließlich zu meinem Zeltplatz direkt an einem rauschenden Fluss, der Ostrach, führt.

Ich zelte zwar nicht gerne direkt am Wasser, weil es hier aufgrund der Luftfeuchtigkeit immer kälter und außerdem auch laut ist, aber ich habe nicht viele Optionen. Dafür nutze ich die Gelegenheit des Wasseranschlusses und wasche meine Socken und Unterhose wieder durch.

So schön wie der heutige Tag war, so anstrengend war er auch und meine Füße puckern ganz schön, als ich sie im Zelt hochlege. Ich werde wohl auch heute sehr gut schlafen und nach der morgigen Etappe kommt dann auch wieder eine kurze, entspannte „Ruheetappe“, die ich dringend gebrauchen kann.

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