Hinterstein – Schattwald (A)

21.08.2021, Tag 6, 25 km, Gesamtdistanz 147 km

In der Nacht war es sehr kühl gewesen, aber irgendwie auszuhalten. Ich habe neben meinen kurzen Schlafklamotten noch die Daunenjacke an, wenn es kalt ist und das reicht einigermaßen.

Da ich so lange keine Ruhe finden werde, bis ich ein neues Ladekabel für mein Handy habe, stehe ich pünktlich um sechs Uhr auf und bin kurz vor sieben abmarschbereit.

Es sind noch neun Kilometer bis nach Bad Hindelang, die auf einer schönen, ebenen Strecke im Hintersteintal verlaufen. Ich kann den Sonnenaufgang in den Bergen beobachten und entspannt auf breiten Wegen zwischen frisch gemähten Wiesen und durch grüne Wäldchen laufen.

Ab Bad Oberdorf, welches sich direkt neben Bad Hindelang befindet, wird die Wandererfrequenz höher. Auf den diversen Parkplätzen rüsten sich gut ausgestattete Menschen für kurze oder lange Abenteuer und sehen alle tatkräftig und hoch motiviert aus.

Um 09:00 Uhr betrete ich die Touristeninformation in Bad Hindelang und frage nach einer Möglichkeit, im Ort ein Ladekabel zu kaufen. Die Dame macht mir leider wenig Hoffnung, es gibt kein passendes Geschäft hier.

Sie gibt mir den Rat, nach Sonthofen zu fahren, das ist nur sieben Kilometer entfernt und der Bus fährt um zehn Uhr ab.

Das wäre immerhin eine Lösung, die ich auch nutzen werde, falls ich nicht doch im Ort Glück habe. In meiner Verzweiflung will ich sowohl beim Buchaden als auch beim Uhren- und Schmuckladen fragen. Und ein Geschenkegeschäft gibt es auch, vielleicht führen die so etwas ja? Ich habe jedenfalls noch Zeit bis der Bus fährt, es zu versuchen.

Bad Hindelang

Im Buchladen habe ich keinen Erfolg und in den Uhrenladen muss ich nur reinsehen um festzustellen, dass die keine Ladekabel führen. Aber schräg gegenüber von dem Uhrengeschäft entdecke ich genau, was ich suche! Eine Filiale von Mobilcom Debitel. Wer sagt’s denn! Wenn die das Kabel nicht haben, wer dann?

Hoffnungsvoll gehe ich rein und der nette Herr hat auch ein einigermaßen passendes Kabel da. Es ist mit einem USB-C Anschluss („der modernere Anschlusstyp“). Damit hat er zwar Recht, aber ich hätte eher USB-A benötigt, weil mein Stecker nun mal USB-A hat. So kann ich das Handy zwar nicht direkt in einer Steckdose laden, aber über die Powerbank und das reicht mir im Moment völlig. Einen neuen Netzstecker will ich jetzt nicht kaufen – der ist riesengroß und sieht super schwer aus.

Als der nette Herr den Preis auf der Verpackung des Kabels sieht, gibt er mir sogar spontan noch Rabatt – wahrscheinlich sind ihm die Preise von Apple für ein läppisches Kabel auch unangenehm. 😉

Super erleichtert und glücklich stehe ich vor dem Laden und packe erstmal alles ein. Da bin ich nochmal mit einem blauen Auge davon gekommen und werde hoffentlich zukünftig besser auf meinen Kram aufpassen.

Ich bin froh, dass ich nicht nach Sonthofen fahren muss. Der Bus fährt Samstags nur alle zwei Stunden und ich hätte unnötig viel Zeit verloren.

So gehe ich noch zum Edeka und kaufe neue Energieriegel sowie zwei große, saftige Äpfel und beim Bäcker die passenden Semmeln dazu.

Dann fülle ich in der Touristeninfo mein Wasser auf, lade kurz meine Powerbank auf und esse schon einen Apfel mit einem Brötchen, bevor ich mich um 11:30 Uhr endlich auf den Weg zur heutigen Etappe mache.

Ich habe ein wenig Bedenken, dass ich rechtzeitig vorm Dunkelwerden ankomme. Für die Strecke bis nach Schattwald sind laut Wanderführer 6,5 Stunden zu planen. Das würde noch reichen, aber ich bin ja auch nicht immer die Schnellste…und es steht wieder ein Aufstieg an, von dem ich noch nicht weiß, wie anspruchsvoll er sein wird.

Doch zunächst geht es bei schönstem Sonnenschein durch Bad Oberdorf. Danach beginnt der Anstieg, allerdings auf einem bequemen, kleinen Schotterpfad, der sich über Serpentinen nach oben schlängelt. Immer wieder hat man einen schönen Blick auf das Tal und die kleiner werdenden Häuser von Bad Oberdorf und Bad Hindelang.

Bad Oberdorf und Bad Hindelang

Der gesamte Anstieg (ca. 600 Höhenmeter) bis zur Iselerbahn Bergstation ist zwar anstrengend, aber machbar. Er hat genau die richtige Steigung, dass man in langsamem Trott hochstapfen kann, ohne auf allen Vieren klettern zu müssen oder sich sonstwie zu verausgaben. Richtig schön!

Und oben angekommen ertönt sogar ein kleines Ständchen für mich von drei Alphornbläsern.

Naja, genau genommen spielen sie für die Hochzeitsgesellschaft, die sich hier auf dem Gipfel feierlich zusammengefunden hat, aber ich fühle mich trotzdem geehrt.

An der Bergstation der Seilbahn mache ich kurz Rast und esse den zweiten Apfel und das Brötchen. Weniger, weil ich schon wieder Hunger habe, als vielmehr, damit ich das nicht weiter mitschleppen muss. 😉 Mit dem Ausblick über das Tal und die Berge schmeckt es gleich noch viel besser.

Brotzeit

Jetzt führt der Weg an der Wiedhag-Alpe und dem Schmugglersee vorbei zum Jochstadl. Der Schmugglersee dient übrigens als Wasserreservoir, um im Winter die Loipen beschneien zu können! Nur in zweiter Linie wird das Wasser auch zum Löschen von Waldbränden benutzt. Beides erfolgt dann mit denselben Hydranten, die wir wohl eher Schneekanonen nennen würden. 🙂

Schmugglersee

Hier ist richtig viel los, fast schon überfüllt der Weg. Ständig kommen Wanderer entgegen und ich muss Platz machen. Auch viele Kinder sind unterwegs, was an dem „Schmugglerpfad“ liegen könnte, auf welchem wir unterwegs sind.

Der ist nämlich kindgerecht mit diversen Stationen ausgestattet, an welchen man kleine Spiele durchführen und Punkte oder Stempel sammeln kann.

Schmugglerpfad deshalb, weil hier früher wirklich geschmuggelt wurde.

Hier im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Österreich haben die armen Bewohner früher hauptsächlich Lebensmittel über die Grenze geschmuggelt. Aber auch Stoffe, Schuhe, Tiere und anderes. In Bayern war z. B. Salz deutlich billiger und wurde nach Österreich geschmuggelt. Von dort kamen dann Schmalz und Eier zurück.

Das lese ich alles auf den Infotafeln, die am Wegesrand aufgebaut sind und viele weitere Infos zum Schmugglerleben bereithalten.

Nachdem ich mal wieder eine achtköpfige Wandergruppe passiert habe, stehe ich plötzlich vor der Grenze. Ich rot-weißes Häuschen ist zumindest der einzige Hinweis auf die Grenze, die glücklicherweise nur noch auf dem Papier existiert. Hier in der Praxis laufen wir einfach weiter auf dem Wanderweg und außer, dass die Schilder nun gelb sind, ändert sich nichts.

Das Wetter ist immer noch fantastisch, genauso wie der Weg. Und früher als gedacht erreiche ich das Jochstadl. Auch dies die Bergstation einer Seilbahn. Die gibt es hier reichlich, um im Winter die ganzen Skifahrerinnen auf die Berge zu transportieren.

Abstieg nach Schattwald

Nun muss ich tatsächlich nur noch eine Stunde nach unten wandern und dann bin ich um 16:30 Uhr auch schon in Schattwald. Damit meine Tourenplanung für die nächsten zwei Tage nicht durcheinanderkommt, sollte ich jetzt nicht mehr viel weiter laufen und so kann ich mich ganz auf die Suche nach einem schönen, versteckten Platz machen, wo ich schon so früh mein Zelt aufbauen kann.

Und auch dabei habe ich heute Glück. Ich gehe in dem kleinen Wäldchen nur einen alten, zugewachsenen Weg hinauf und finde das perfekte Plätzchen! Eine kleine Lichtung inmitten der Bäume. Weit genug vom Weg weg, dass mich niemand sehen oder hören kann. Das passt wirklich perfekt, weil ich nicht nur heute sehr früh hier bin, sondern morgen evt. auch etwas länger hier stehen bleibe. Ich habe für morgen nämlich nur eine kurze Ruheetappe mit 14 km geplant und es soll regnen…also kein Grund, allzu früh aufzustehen.

Das Sahnehäubchen gibt es dann noch, als ich im zweiten Versuch doch Mobilfunkempfang habe und damit die Zeit nutzen kann, um meine nächsten Tage zu planen.

Die heutige Etappe von Bad Hindelang nach Schattwald war wirklich wunderschön und kann ich jedem empfehlen, der eine leicht anspruchsvolle Wanderung unternehmen möchte.

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