Balderschwang-Ofterschwang

18.08.2021, Tag 3, 28 km, Gesamtdistanz 71 km

Ich habe wirklich gut und super lange geschlafen. Obwohl ich schon so früh im Bett war, stehe ich trotzdem erst um halb sieben auf, also eine Stunde später als gestern.

Es hat wie vorhergesagt nachts angefangen zu regnen und regnet leider morgens immer noch, so dass ich das Zelt im Regen abbauen muss.

Der erste Anstieg des Tages führt über den Gelbhansekopf zum Hochschelpen auf 1.552 Meter. es geht damit los, dass der „Kreuzweg“ gesperrt ist, wegen Schäden. Allerdings ist keine Umleitung ausgeschildert, so dass ich mein Glück trotzdem probiere und weitergehe.

Ich kann auf der gesamten Strecke auch keine Schäden entdecken, bis auf eine Absperrung in Richtung Fluss, die an einer Stelle fehlt.

Es regnet bzw. nieselt immer wieder und ich stapfe tapfer mit meinem Schirm immer bergan. Bis auf ein paar Bauarbeiter an einer Alpe begegnet mir bei diesem Wetter und um diese Zeit auch niemand anderes.

Nach einer Stunde bin ich auf dem Gelbhansekopf und gönne mir als Frühstück einen Energieriegel.

Den esse ich wie gewohnt im Gehen, weil es zum einen zu kalt ist zum stehenbleiben und es zum anderen keinen Grund gibt, für einen Riegel extra anzuhalten. Das ist ja gerade das Praktische an dieser Art der Verpflegung.

Sowohl der Gelbhansekopf als auch alle anderen Gipfel hier in der Gehend sind Teil eines großen Skigebietes. Ich kreuze immer wieder Skilifte, die jetzt im Sommer aber alle außer Betrieb sind. Wäre sicherlich auch mal spannend, die Gegend hier im Winter zu sehen.

Auf dem Weg zum Hochschelpen komme ich an üppig bewachsenen Blaubeerbüschen vorbei. Die großen, blauen Beeren hängen so zahlreich und gut sichtbar direkt am Weg, dass ich nicht wiederstehen kann und erstmal einige Hände voll pflücke. Sie haben die perfekte Reife und schmecken köstlich.

Auch auf dem Hochschelpen halte ich mich nicht lange auf, da die Aussicht aus Wolken in allen Richtungen besteht.

Der Abstieg und auch die weiteren Kilometer am Piesenkopf vorbei sind dann sehr anstrengend. Es geht über Wiesen, die sich als Moorgebiet herausstellen und nasse Füße garantieren. Es ist unmöglich, eine trockene Route zu finden, der Boden ist komplett aufgeweicht, schlammig getreten und auch sämtliche Umgehungen stehen schon unter Wasser.

Als ich mich durch den Sumpf kämpfe, fällt mir plötzlich wieder ein, was ich gestern Abend im Wanderführer über diesen Abschnitt gelesen habe: „Auf dieser Etappe kann es bei länger anhaltender feuchter Witterung zu stark aufgeweichtem Boden kommen.“ Mir war beim Lesen noch nicht ganz klar, was das bedeuten könnte, aber jetzt ist es offensichtlich und man kann nicht behaupten, dass ich nicht gewarnt worden wäre.

Mich erinnert die Schlammpiste natürlich sofort an Neuseeland, wo diese Wegebeschaffenheit auf dem Te Araroa keine Seltenheit hat und so füge ich mich in mein Schicksal und vertreibe mir die Zeit mit Gedanken an den TA, während meine Schuhe schmatzend durch den Schlamm waten.

Irgendwann wird der Untergrund allerdings so unbegehbar, dass ich bei jedem Schritt knietief im Schlamm versinke und Mühe habe, meine Schuhe nicht zu verlieren! Sie bleiben unten im Schlamm stecken und ich muss den Fuß immer vorsichtig – und trotzdem kraftvoll – wieder aus dem Schlamm ziehen.

Das ist dann der Zeitpunkt, wo ich auch keine Lust mehr auf das Ganze habe. Selbst die Sonne, die sich um halb zwölf das erste Mal blicken lässt, kann meine Stimmung nur leicht heben.

Glücklicherweise erreiche ich kurz darauf das Ende der Schlammpiste und finde mich auf einem breiten, trockenen Schotterweg wieder.

Sofort hebt sich meine Stimmung und ich wandere glücklich in der Sonne weiter. Es wird sich sicherlich eine Gelegenheit finden, wo ich meine Schuhe und Beine vom Schlamm und Dreck befreien kann.

Und tatsächlich dauert es gar nicht lange, bis ich an einer großen, runden Tränke vorbeikomme, an welcher ich mich ausführlich saubermachen kann.

Mit blitzeblanken, frisch gewaschenen Schuhen (und Socken) spaziere ich gutgelaunt weiter und treffe auf die erste geöffnete Alpe auf meinem Weg. Es ist auch einiges los, aber da ich keinen Grund für eine Einkehr habe, gehe ich weiter.

Über schöne Wege gelange ich schließlich zur Grasgehren-Alpe. Eigentlich mein Tagesziel für heute, aber es ist erst 14:00 Uhr, als ich dort ankomme.

Ich studiere die Karte und entscheide mich, noch ein Stück weiterzulaufen. Wenigstens auf das Riedberger Horn will ich noch und danach einfach mal schauen, wie weit ich komme.

Schön wäre es ja, wenn ich meinen Schlafplatz möglichst weit unten, wenigstens unter 1.500 Metern aufbauen könnte. Zumindest verspreche ich mir eine wärmere Nacht davon.

Der einstündige Aufstieg zum Riedberger Horn ist ziemlich anstrengend, die Wege sind stark ausgetreten und es gibt gar nicht mehr „den Weg“, sondern ganz viele Alternativpfade, weil alle immer woanders lang gehen.

Die Strecke ist auch gut besucht und mir kommen immer wieder Wanderer entgegen.

windzerzaust auf dem Riedberger Horn

Die Aussicht vom 1.787 Meter hohen Gipfel entlohnt dieses Mal aber für die Mühen. Die umliegenden Berge und Täler sehen fantastisch aus und die Wolken werfen schnell vorbeiziehende Schatten auf die vor mir liegenden Wiesen.

Nun geht es auf dem Kamm weiter zu diversen Gipfeln. Zunächst geht es zum großen Ochsenkopf, dann zum Weiherkopf und am Ende stehen noch das Rangiswanger und das Oftenschwanger Horn auf dem Plan.

Ich schwanke zwischenzeitlich immer damit, wie weit ich denn noch laufen soll. Bei jedem Anstieg denke ich mir, das ist der letzte, den ich heute schaffe. Aber wenn ich oben bin und die Zeit lese, die es bis zum nächsten braucht, nehme ich ihn doch noch in Angriff.

Die Strecke ist auch sehr schön und die ganze Etappe von Großgehren bis nach Ofterschwang lohnt sich wirklich!

Beim Abstieg vom Rangiswanger Horn stehen mir dann plötzlich vier Kühe im Weg, an denen auch kein Vorbeikommen ist. Ich hatte heute Vormittag schonmal eine ähnliche Begegnung mit einem Jungbullen, der einfach keinen Platz machen wollte, sondern sich mir breitbeinig und angriffslustig entgegengestellt hat. Ich habe dann den Rückzug angetreten und mich neben dem Weg durchs Gestrüpp geschlagen.

Das funktioniert hier jetzt aber nicht, da es neben dem Weg, auf dem die vier Kühe mir entgegenkommen, nur steil bergab geht. Also warte ich und versuche die Rindviecher mit warmen Worten zum Weiterlaufen zu animieren. Das funktioniert nur so mittelprächtig und ich muss eine ganze Weile warten, bis sich alle so weit vorgeschoben haben, dass ich mich vorbeidrücken kann.

Toll, solche Verzögerungen kann ich mir jetzt eigentlich nicht mehr leisten. Es ist schon 18:00 Uhr durch und dann habe noch einen letzten Aufstieg vor mir, bevor ich dann noch komplett ins Tal runter muss.

Der letzte Aufstieg für heute – Ofterschwanger Horn

Das Ofterschwanger Horn erreiche ich um viertel vor sieben und mache mich sogleich auf den Weg nach unten. Eigentlich hatte ich die Hoffnung, in dem Waldstück im unteren Drittel einen Zeltplatz finden zu können, aber das ist alles Hanglage und überhaupt nicht geeignet.

Mir kommen auch zu dieser relativ späten Stunde noch WanderInnen und Trailrunnerinnen entgegen, die noch hoch wollen – und dann teilweise vielleicht einen anderen Weg hinunter nehmen. Hier im Wald ist es nämlich sehr steil und wurzelig. Im Dunkeln würde ich hier nicht lang wollen.

Ich will auch grundsätzlich nicht mehr. Nach knapp 30 Kilometern sind meine Kräfte am Ende und ich möchte mich einfach nur noch in mein Zelt legen.

Erst nach dem Wald, praktisch an der letzten Straße vor Ofterschwang finde ich auf einer großen Wiese den nahezu perfekten Zeltplatz. Ist zwar wieder in der Nähe eines kleinen Flusses, könnte also kalt werden, aber ist mir jetzt egal.

Um halb acht kann ich endlich meine Unterkunft aufbauen und mich geschafft aber zufrieden hinlegen. Morgen steht zum Glück eine Art Ruhetappe an – die Etappe ist komplett eben und Einkaufsmöglichkeiten gibt es auch endlich wieder. Wird auch Zeit, ich habe nur noch drei Energieriegel. 😉

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