03.04. – 08.04.2017, 6 Tage, 125 km
Drei Tage Pause vom Wandern habe ich mir nach der Ankunft in Bluff gegönnt – also fast, wenn ich jetzt mal darüber hinwegsehe, dass ich am 02. April Arisa, Josh und Landon auf ihren letzten fünf Kilometern zum Ziel nochmal begleitet habe – gemeinsam mit Landons Frau Brenda sowie Josephine und Michael. Damit war unsere Truppe, die sich während der Kanutour auf dem Whanganui-River gebildet hatte, so gut wie komplett, nur Yasmin und Joel fehlten, sie hatten irgendwo auf der Südinsel entschieden, nicht mehr dem TA, sondern anderen Wanderwegen zu folgen.
Wie auch immer, nach der zweiten Ankunft am Stirling Point juckte es mich tatsächlich schon wieder in den Beinen und ich wollte den gewohnten Wanderalltag noch nicht aufgeben – also auf nach Stewart Island / Rakiura, ihres Zeichens die drittgrößte Insel Neuseelands, ganz im Süden gelegen und deswegen leider von vielen Touristen nicht in die Reisepläne einbezogen – ein Fehler, wie ich feststellen durfte!
Stewart Island / Rakiura ist bekannt für ihre nahezu unberührte und vielfältige Natur (85% der Fläche bestehen aus dem Rakiura-Nationalpark) – und dem unberechenbaren, weil sich schnell ändernden Wetter mit sehr häufigem Niederschlag (angeblich soll es an 275 Tagen des Jahres regnen – wobei die Regenmenge niedriger als zum Beispiel die von Auckland ist). Der kontinuierliche Regen sorgt für überdurchschnittlich schlammige und überflutete Wege – und wenn die Kiwis extra auf schlammige Wege hinweisen, will das schon was heißen! Das war auch der Grund, warum ich zunächst skeptisch war, ob es sich lohnen würde, auf Stewart Island zu wandern…neuseeländischen Schlamm hatte ich zur Genüge gesehen und durchwatet – warum also einen Wanderweg laufen, der nicht zum TA gehört und in seiner Imagebroschüre ernsthaft mit dem Foto einer lächelnden Frau beworben wird, die bis zu den Knien im Schlamm steht?!?
Quelle: Department of Conservation
Aber JEDER Kiwi, dem gegenüber ich in den letzten fünf Monaten Stewart Island erwähnt habe, meinte, dass das eine wunderschöne Insel ist und ich da unbedingt hin müsste…und wer bin ich, mich der Empfehlung der Einheimischen entgegenzustellen?
Ich wusste ja, was mich erwartet und alleine war ich auch nicht, Sarah würde mitkommen und geteilter Matsch ist ….ähhh….naja…

Schnellboot Bluff – Oban
Jedenfalls machten wir uns am 03. April mit dem Schnellboot auf den Weg nach Stewart Island. Der North-West-Circuit ist 125 Kilometer lang und wir hatten Essen für sieben bis acht Tage mit, das sollte locker reichen.
Als wir in Oban ankommen, dem einzigen Ort auf Stewart Island, nieselt es leicht…der Regen begleitet uns auf den ersten zwei Stunden unserer Wanderung, danach bleibt es jedoch, entgegen unserer Erwartungen, die gesamte restliche Woche trocken! Da ich auch von vielen anderen gehört habe, dass sie bis auf gelegentliche Schauer eigentlich nur Sonnenschein hatten, will ich die offizielle Anzahl der Regentage zwar nicht anzweifeln, aber ich gehe stark davon aus, dass es nur in anderen Gegenden der Insel, also irgendwo im Süden, so oft regnet. Der North-West-Circuit scheint mit reichlich trockenen Tagen ausgestattet zu sein.
Wir laufen die Runde entgegen der Uhrzeigerrichtung und was soll ich sagen – alle hatten Recht. Stewart Island ist wirklich richtig, richtig schön! Der Weg ist zwar teilweise recht anstrengend, zumindest wenn man wie wir pro Tag nicht nur bis zur nächsten, sondern zur übernächsten Hütte läuft, aber dafür befinden sich im Grunde zwischen allen Hütten jeweils zwei Strände. Und diese sind wirklich traumhaft und entschädigen für den anstrengenden Weg dorthin. Es gibt sowohl traumhafte, weiße Sandstrände als auch wunderschöne schwarze Strände oder der Strand besteht aus großen und kleinen, vom Wasser abgerundeten Steinen, über die man wunderbar hüpfen kann.

Ich habe mich jedenfalls jedes Mal auf den nächsten Strand gefreut, nicht zuletzt, weil jeder Strand anders war und immer eine Überraschung bot.
Praktischerweise liegen fast alle Hütten am Strand, so dass man zumindest im Sommer täglich baden könnte. Ich bin einmal in die Fluten gesprungen, nach einmal kurz abrubbeln aber auch schnell wieder raus, da die Wassertemperaturen jetzt im Herbst nicht zu einem längeren Aufenthalt einladen.
Aber auch der dichte und sehr artenreiche Wald auf Stewart Island bietet einiges, für das sich die relativ lange und teure Anreise (das Boot kostet hin und zurück cirka 85 EUR) wirklich lohnt.
Mir war vorher ehrlich gesagt gar nicht so bewusst, dass die meisten Leute hauptsächlich nach Stewart Island kommen, um ein ganz bestimmtes Tier zu sehen – den Kiwi. Aus unerfindlichen Gründen ist die Art, die auf Stewart Island lebt, Tokoeka, nämlich nicht ausschließlich nachtaktiv, sondern auch tagsüber oft zu sehen und somit ist Stewart Island der einzige Ort Neuseelands, wo man eine realistische Chance hat, das Nationaltier in freier Wildbahn zu beobachten.
So drehte sich auch fast die gesamte Kommunikation in den Hütten darum, ob man schon einen Kiwi gesehen hat.
Die ersten zwei Tage vergingen für mich ohne Kiwisichtung. Am dritten Tag laufe ich morgens gedankenverloren durch den Wald, als es neben mir raschelt. Ich schaue nach links und direkt in die kleinen, runden Knopfaugen eines Kiwi. Wir stehen uns beide bewegungslos gegenüber…sekundenlang…dann senkt der Kiwi langsam seinen langen Schnabel zum Boden und irgendwann dreht er sich zur Seite und verschwindet hinter dem nächsten Farnwedel. Ich versuche meine Kamera so schnell und leise wie möglich aus der Tasche zu holen, schalte sie ein und hoffe, dass der Kiwi nochmal aus dem Dickicht kommt. Und dann passiert das:
Ich werde ja eigentlich nicht schnell hysterisch, aber ist er nicht total süß!!?!?!?! Ich habe mich sofort in diesen wackelnden, ruhigen Watschelgang verliebt – irgendwie scheinen alle flugunfähigen Vögel eine gewisse Faszination auf mich auszustrahlen.
Meine Stimmung konnte für den Rest das Tages natürlich nichts mehr trüben, ich lief glücklich und zufrieden durch die Gegend und hielt nach weiteren Exemplaren Ausschau. Insgesamt habe ich noch zwei weitere Kiwi gesehen, die entweder im Farn oder direkt auf dem Weg entlangschaukelten, konnte aber kein schönes Foto mehr machen.

Ein Schuh blieb sogar weitestgehend sauber
Der Matsch auf dem Rundweg hielt sich auch in erfreulichen Grenzen. Es gab durchaus einige sehr schlammige Abschnitte, aber als TA-Finisher haut einen das natürlich nicht mehr von den Socken, zumal die anhaltende Trockenheit den Matsch immer weiter austrocknete und es von Tag zu Tag besser wurde.
Am fünften Tag verabschiedete ich mich morgens von Sarah, sie wollte heute nur bis zur nächsten Hütte an der Mason Bay laufen, um am Strand dahinter Vögel zu beobachten. Ich wollte zur übernächsten Hütte, der Freshwater Hut weiter, um am nächsten Tag de Fähre zurück aufs Festland nehmen zu können.
Auf dem Weg zur Mason Bay Hut habe ich dann noch überlegt, ob ich nicht auch dort bleiben und um einen Tag verlängern sollte, das hatte sich dann aber schnell von selbst erledigt.
Am Strand von Mason Bay ragt ein Felsvorsprung in Richtung Meer hinaus, so weit, dass man bei Ebbe gut daran vorbeilaufen kann, bei Flut allerdings nicht, weil dann der Felsen direkt im Wasser steht. Es gibt eine High-Tide-Route, die ich aber nicht für notwendig hielt. Es war, als ich dort langgekommen bin irgendwas zwischen High- und Low-Tide. Ein schmaler Standstreifen vor dem Felsen war meistens zu sehen, nur ab und zu kamen größere Wellen, die dann bis an den Felsvorsprung heranreichten. Also dachte ich mir, ich passe die Phase ab, wo die Wellen nicht an die Felsen reichen und laufe schnell um den Vorsprug herum.
Klang nach einem guten Plan, die Umsetzung war dann aber leider nicht so gelungen…
Ich wartete eine vermeintlich passende Gelegenheit ab, lief schnell zum Felsvorsprung – nur um dort zu erkennen, dass er breiter ist, als ich dachte. Es ging ein paar Meter geradeaus, dann kam eine kleine Höhle und erst dahinter ging es wieder hoch zum Strand…ich war kurz vor der Höhle, als sich eine größere Welle ankündigte. Also stellte ich mich auf einen kleinen Vorsprung, wollte die Welle abwarten und dann weiter gehen. Die Welle war allerdings so dermaßen groß und stark, dass sie mich komplett überspülte, von dem Vorsprung riss und ich im Bereich der Höhle unter Wasser gezogen wurde…als erstes musste ich an mein Handy und meine Kamera denken, die beide ungeschützt waren und damit jetzt komplett nass und unbrauchbar wurden…dieser Gedanke wurde aber von einem anderen verdrängt, je länger ich unter Wasser blieb und nicht aus eigener Kraft aufstehen bzw. an die Oberfläche gelangen konnte. Während ich von den Wellen nach vorne (in die Höhle) und nach hinten gespült wurde, hatte ich einen völlig klaren Kopf – kein Anflug von Panik oder ähnlichem…einzig der Gedanke, ob ich jetzt wirklich ertrinke und dass ich das lieber irgendwie verhindern würde, füllte mein Bewusstsein aus. Ich sah nach oben in Richtung Wasseroberfläche und versuchte vergeblich Halt zu finden – sofort kam die Welle aus der anderen Richtung und schubste mich wieder um…gerade als ich den Rucksack lösen wollte, weil er mich offensichtlich nach unten zog, war das Wasser plötzlich weg, ich konnte stehen und endlich wieder Luft holen! Halleluja… die Wellen hatten sich wieder zurückgezogen und nun begann die Phase, in der ein schmaler Abschnitt zwischen Fels und Meer frei blieb.
Ich holte tief Luft und machte mich so schnell wie möglich in Richtung sicherer Strand auf – wobei ich nach und nach feststellte, dass ich nicht mehr so schnell unterwegs war. Mein rechter Oberschenkel tat massiv weh und ich konnte nur noch humpeln…ich musste bei der Aktion gegen einen Felsen geknallt sein…toll, das gab bestimmt einen riesigen blauen Fleck – aber irgendwie war das doch das bessere Ende dieser Geschichte…
Die nächste Stunde versuchte ich mich dann wieder zu sammeln und das Erlebnis zu verarbeiten…ich humpelte zur Mason Bay Hut und versuchte erfolglos den feinen Sand, der in alle meine Sachen gespült wurde, irgendwie wieder rauszubekommen. Ich hatte jetzt nicht nur keine Kamera und kein Handy mehr, sondern wusste noch nicht einmal wie spät es ist…bis zur Freshwater Hut waren es noch 15 Kilometer – würde ich das noch schaffen? Es müsste jetzt cirka 14 Uhr sein und ich versuchte auf dem Weg einzuschätzen, wie weit ich schon gelaufen war und wie viel Zeit vergangen war…
Der Weg war einfach zu laufen, da er eben durch ein Tal führte – das war wohl auch die Strecke, die zu bestimmten Zeiten komplett unter Wasser steht. Aber jetzt im Herbst war alles trocken und der Fluss schlängelte sich friedlich in seinem Flussbett.
Als ich einschätzte, noch cirka zweieinhalb Kilometer vor mir zu haben, tauchte plötzlich die Brücke auf, die zur Freshwater Hut führt…es war siebzehn Uhr und ich lag damit gut in der Zeit.
Ich versuchte Zar, Fotoapparat und Handy am Kamin zu trocknen, aber wie sich in den folgenden Tagen herausstellte, waren beide nicht mehr zu retten.
Am nächsten Tag wollte ich nur noch zurück nach Bluff bzw. Invercargill, um mich um Ersatzgeräte zu kümmern und so brachte ich die letzten 23 Kilometer so zügig hinter mich, dass ich sogar noch das Boot um 15:30 Uhr bekam – ich hatte zumindest das letzte Boot um 17:00 Uhr angepeilt.
Damit endete der eigentlich wunderschöne Ausflug auf Stewart Island nicht ganz so erfreulich, aber es hätte schlimmer ausgehen können und so versuchte ich mich damit zu trösten, dass es „nur“ die beiden Geräte erwischt hatte.
Also langsam werden mir deine Beiträge wirklich viel zu nervenaufreibend…Aber ich freue mich unglaublich doll, dass es dir gut geht! 🙂
Vielleicht wählst du in der nächsten Zeit erstmal den jeweils sichereren, wenn auch manchmal längeren oder nicht so atemberaubenden Weg aus 👍🏼 Die Hauptsache ist ja, dass du uns zum Jahresende alle Erlebnisse persönlich und bei bester Gesundheit berichten kannst 😉
Das Kiwivideo ist wirklich super niedlich ☺️ mit den kaum sichtbaren Flügeln wirken die Kleinen so tollpatschig und knuffig^^
Pass weiterhin gut auf dich auf, ich denke an dich 😉
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