07. – 14.12., 8 Tage, 193 km
Die Region Waikato geht leider so bescheiden los, wie die Region Auckland aufgehört hat. Die ersten zwei Kilometer führen über Wiesen, die in diesem Jahr noch nicht gemäht wurden, d.h. die Gräser sind teilweise größer als ich. Morgens natürlich auch noch nass und so war ich nach zwei Minuten sofort wieder eingesaut und pitschnass…und bedient. Die Markierungen waren auch nur sehr spärlich angebracht…wie soll man denn auf einer Wiese den richtigen Weg finden?

Wegfindung auf dem TA
Gar nicht, genau. Und so gab es ständig mehrere Trampelpfade, die sich durch das Gras schlängelten und natürlich habe ich einen falschen erwischt und durfte dann über einen steilen Hügel klettern, bei dem selbst Bergziegen ihre Probleme gehabt hätten.
Für die ersten zwei Kilometer brauche ich zwei Stunden und bin fix und fertig – und habe wieder zu wenig Wasser mit…
Immerhin wird der Weg danach etwas besser und Wasser finde ich auch noch, so dass ich an dem Tag noch einige Kilometer schaffe. Immer auf dem Deich lang und mitten durch friedliche Kuhherden hindurch. Langsam mag ich die Tiere richtig. Sie glotzen immer so schön, wenn man vorbei geht und haben am Ende dann aber doch mehr Angst als ich und ziehen sich zurück – sehr symphatisch.

ich müsste da mal bitte durch…
Der Weg selbst ist nicht immer so erfreulich. An einer Stelle steht ein großer, stachliger Baum direkt am Zaun, an welchem ich entlang laufe. Also drücke ich mich gegen den Zaun, ich habe keine Lust mehr auf Stacheln und Jucken. Und wuuusch….bekomme ich zwei heftige Stromstöße ab – das ist ein verdammter Elektrozaun!!! Aahhhhhrgggghhhh ich explodiere und schreie meine Wut laut hinaus. Ich habe echt keinen Bock mehr auf diesen Mistweg. Wie kann man denn so eine Routenführung vornehmen?!?! Das ist schlimmer als jeder Spießrutenlauf! Wütend versuche ich nun beide Seiten – die Stacheln und den Strom – nicht zu berühren, was fast unmöglich ist aber irgendwie gelingt. Das war natürlich nicht die einzige knifflige Stelle und ich bekomme an diesem Tag noch einen weiteren Stromschlag ab.

Aufgabe: durchkommen ohne den Elektrozaun zu berühren…
Langsam beginne ich, den Te Araroa nicht mehr zu mögen…offensichtlich ist es doch keine so gute Idee, auf Teufel komm raus einen Wanderweg durch das gesamte Land zu ziehen, wenn es an einigen Stellen einfach keine begehbaren Wege gibt! Der TA ist im Grunde ja nur die Verbindung vieler bereits bestehender Wanderwege. Aber insbesondere die Verbindungen sind entweder zig Kilometer Straße oder eben irgendwelche Grünstreifen, die aus gutem Grund bis dato kein Wanderweg waren…
Am nächsten Morgen regnet es, und es sieht auch nicht so aus, als ob es in den nächsten Stunden aufhören würde. Also ziehe ich die Regenhose und -Jacke an, verstaue alles wasserdicht im Rucksack und stapfe los, es geht noch ein paar Kilometer auf dem Deich entlang. Und ich habe beste Laune. Tatsächlich macht mir der Regen nichts aus, sondern ich freue mich, dass ich die passende Kleidung mit habe, trocken bleibe und der Weg gut zu laufen ist – man wird bescheiden auf einem Thru-Hike.

es gibt kein schlechtes Wetter
Nach einem kurzen Stopp in einem Minimarkt in Huntley, wo ich mangels Schokoladenangebot auf Gummitierchen zurückgreifen muss, sind es noch ein paar Kilometer Straße und dann kommt wieder ein Waldabschnitt. Er wird als sehr schwer, mühsam und steil beschrieben und für die acht Kilometer soll man sechs Stunden einrechnen…hmm…und das bei diesem Regen…ich bin aber immer noch bester Laune und tatsächlich ist der Wald der Schönste, den ich bis jetzt gelaufen bin – der Wurzelwald, wie ich ihn nenne, weil der Weg fast komplett mit Wurzeln übersäht ist. Und das beste an dem Wald: keine Spinnweben 😀

Hakarimata – der Wurzelwald
Der Schlamm hält sich trotz Regen auch in Grenzen und schon nach vier Stunden komme ich am anderen Ende über tausende Stufen abwärts nach Ngunguru. Dort genehmige ich mir eine extra große Portion Fastfood und stelle mein Zelt dann am Ufer des Waikatoriver auf. Hier auf dem Parkplatz stehen auch Wohnmobile, da dürfte so ein kleines Zelt nicht stören.
Da es immer noch regnet, buche ich mir schon mal ein Hostel in Hamilton. Die Aussicht auf ein trockenes, warmes Bettchen macht es noch leichter, schnell einzuschlafen. Der ganze Tag heute war erfreulich und ich habe wieder gute Laune und bin mit dem TA versöhnt – fürs erste…

Der Weg von Ngunguru nach Hamilton führt auf einem Rad-Spazierweg entlang und ist leicht zu laufen. Die Sonne lässt sich auch wieder blicken und so habe ich die 21km schon mittags geschafft. Kurz vor Hamilton holt Martin mich ein, ein tschechischer Wanderer, mit dem ich mich super gut unterhalte. Er ist echt lustig und hat ähnliche Meinungen über den Weg wie ich.
Da ich morgen schon weiter will, bleibt mir nur der Nachmittag zum Einkaufen, Wäsche waschen, Blog schreiben, Hüttenpass kaufen. Ich übertreibe es mit dem Einkauf ein wenig. Ich kaufe dermaßen viel, dass ich gar nicht weiß, wann ich das alles essen und vor allen Dingen, wie ich es schleppen soll.
Entsprechend voll und schwer ist der Rucksack am nächsten Morgen. Ich bin noch nicht aus Hamilton raus, da tun mir die Schultern schon tierisch weh…das kann ja heiter werden. Ich frage mich, wie andere Hiker das als Standardgewicht aushalten und jeden Tag schleppen können.
Natürlich geht es den halben Tag auf Straßen aus der Stadt, dann folgen wieder Weiden und ein verkrauteter Uferweg. Da es mittlerweile wieder regnet, bin ich wieder komplett nass und dreckig. Dann reißt auch noch der Hüftgurt, so dass ich den schweren Rucksack jetzt nur noch auf den Schultern trage…argh…
Immerhin treffe ich unterwegs Stephanie wieder. Sie hatte in Hamilton einen Zeroday eingelegt, so dass wir jetzt wieder gleichauf sind und uns in den nächsten Tagen immer wieder über den Weg laufen.
Nach 25 km ist endlich der Start des nächsten Tracks erreicht und ich suche mir einen Zeltplatz. Da ich den Rucksack endlich loswerden will, nehme ich mir leider nicht ausreichend Zeit und liege relativ schief, so dass ich nachts immer wieder hochrutschen muss…aber wenigstens bleibt alles trocken, obwohl es in dieser Nacht ein mächtiges Unwetter gibt.
Es regnet bis zum nächsten Tag und ich packe wieder alles wetterfest ein. Als ich gerade aus dem Zelt krabbel, kommt allerdings die Sonne raus und es klart etwas auf. Der Karamu Walkway führt zur Abwechslung mal über Schafsweiden, was sich besser läuft als Kuhweiden, da bei letzteren immer sehr tiefe Löcher das Vorankommen erschweren. Es geht über eine Art Höhenweg und wenn es nicht so wolkig und super windig wäre, könnte man eine schöne Aussicht genießen. Ich genieße zumindest den gut zu laufenden Weg und die gute Ausschilderung…da hätte ich wohl schon misstrauisch werden müssen…nach anderthalb Stunden krame ich doch das GPS hervor, weil vorne eine Straße auftaucht, die dort nicht sein sollte und tatsächlich – ich bin falsch und zwar völlig. Ich laufe seit dem Morgen in Richtung Norden! Na toll…alles wieder zurück und von vorne anfangen…und das, wo heute Nachmittag noch ein harter Wald auf dem Programm steht und ich unbedingt die Hütte nach dem Gipfel erreichen muss, weil man vorher nicht zelten kann.

an den grünen Hügeln kann ich mich einfach nicht satt sehen
Ich esse deprimiert einen Müsliriegel und mache mich auf den Rückweg. Genau in dem Moment ziehen sich die Wolken dunkel zusammen und es fängt an zu regnen – aber richtig, es sieht fast wie Hagel aus und stürmt so stark, dass ich fast umgeworfen werde. Ja ist ja gut, ich weiß, dass es mein Fehler war und ich ärgere mich, dass ich trotz der Sonne zu meiner Rechten nicht mitbekommen habe, dass ich nach Norden laufe, wo ich doch seit fünf Wochen immer nach Süden muss… Ich habe trotz allem keine schlechte Laune, sondern nehme es eher gelassen hin. Warum auch nicht, ändert ja nichts daran, dass ich die drei Kilometer zurück muss.
Nach weiteren anderthalb Stunden bin ich also nahezu wieder am Startpunkt des heutigen Tages. Ich bin tatsächlich gleich am ersten Marker falsch gelaufen, weil der TA hier auch ein Stück nach Norden weitergeht für die Tageswanderer, die an der Straße anfangen. Ich mache nochmal eine Pause und starte um halb elf ein zweites Mal.
Es geht auch über Weiden, allerdings ist der Weg nicht so schön wie der andere – ein klares Zeichen, dass ich wieder auf dem TA bin. Trotzdem folgt eine wunderschöne Landschaft – diese unendlichen, grünen Hügeln – ich habe mich auch nach mehreren Wochen noch nicht satt gesehen und bleibe ständig stehen, um noch „ein letztes“ Foto zu machen. Ich komme trotz regelmäßigen Regenschauern ganz gut durch und lasse den Karamu Track und das anschließende Straßenstück schnell hinter mir. Um 14:00 Uhr bin ich am Startpunkt des Pirongiatracks. Bis zum Gipfel werden ca. 5 Stunden veranschlagt, immerhin geht es auf 959 m hinauf. Die Hütte, zu der ich will liegt einen Kilometer hinter dem Gipfel.
Wird knapp, kann ich aber schaffen, es wird ja erst kurz vor 21:00 Uhr dunkel. Also los, die ersten drei km sind easypeasy, sie führen zu einem Campingplatz und sind Teil eines beliebten Rundwegs. Ich lasse es mir nicht entgehen, eine Höhle zu besuchen, die allerdings sehr eng und schmal ist. Ich passe an einigen Stellen gerade so durch. Ist aber eine interessante Erfahrung so komplett alleine durch eine dunkle Höhle zu klettern. Ich habe meine Stirnlampe dabei, damit ich überhaupt etwas sehe.

gut, dass ich schon abgenommen habe, sonst wäre es eng geworden
Danach wird der Track etwas steiler und unwegsamer, hält sich aber alles in Grenzen und ich liege gut in der Zeit. Nur die letzten zwei Kilometer, die haben es in sich…die Wege sind eine einzige Matschbahn und steil wird es jetzt auch, schließlich sind noch einige hundert Höhenmeter zu überwinden. Erinnerungen an Raetea werden wach und tatsächlich ist der Weg hier streckenweise genauso heftig. Aber es gibt einen Unterschied. Mich.
Ich bin bester Laune und lasse mich durch die widrigen Umstände auch nicht davon abbringen. Schlamm…pah…ich habe Raetea geschafft, mich kann nichts mehr aufhalten! Und auch wenn der Weg sich ewig hinzieht und es immer unangenehmeres Wetter wird, ich freue mich auf die anderen Hiker, die in der Hütte übernachten werden und klettere unermüdlich den Berg hinauf. Um 19:10 Uhr stehe ich dann endlich auf der Aussichtsplattform des Pironigagipfels und sehe – nichts. Also nichts ist übertrieben schließlich sehe ich die ersten 50 Meter Bäume rundherum und danach eine dicke, weiße Wand aus Wolken. Unweigerlich summe ich vor mich hin: „über den Wolken, …“ und grinse vor mich hin.

Pirongia Gipfel
Gleich habe ich es geschafft, noch ein Kilometer, was zwar mindestens eine halbe Stunde bedeutet, bei diesem Weg hier, aber dann, eine trockene Hütte und viele andere Wanderer, mit denen ich mich austauschen kann.
Ich brauche tatsächlich noch eine gute halbe Stunde, dann stehe ich im Nebel der Pahautea Hut. Bevor ich reingehe wasche ich erstmal Schuhe, Socken und meine Beine an einem Becken. Der Schlamm ist schon so angetrocknet, dass er sogar mit einem Lappen nur schwer abzubekommen ist.
In der Hütte befinden sich acht Thru-Hiker, davon vier Deutsche. Stephanie schläft schon und so unterhalte ich mich mit den Deutschen, die beiden Bayern sind auch ultraleicht unterwegs und es gibt viel zu vergleichen und zu erzählen.
Nach einer mit neun Grad relativ kühlen Nacht in der Hütte, steht am nächsten Tag der Abstieg an. Der Gipfel liegt immer noch in den Wolken und es hat die ganze Nacht über heftig gestürmt und windet auch jetzt noch ordentlich. Aber hilft ja nix.
Der Abstieg ist zunächst gar keiner, weil es die ersten Kilometer noch über mehrere andere Gipfel geht, bergauf und bergab. Der Weg ist jetzt wirklich eine einzige Schlammgrube und was bergauf noch einigermaßen zu händeln ist, erweist sich bergab als einzige Rutschpartie. Da ich wusste was auf mich zukommt, bleibe ich auch heute gelassen und stapfe tapfer voran, wobei ich dann aber doch die Mitte des Weges meide, in welcher mein Trekkingstock teilweise ins bodenlose einsinkt.
Ich stelle erstaunt fest, dass die Frage, ob man sich aufregt und ärgert nicht an der Beschaffenheit des Weges liegt, sondern einzig an der eigenen Einstellung. Wenn ich nicht will, dann muss ich keine schlechte Laune haben und damit den Tag noch schwerer machen, als er eh schon ist.
Und schwer ist der Weg…irgendwann kommt sogar eine Passage mit einer Sicherungskette, weil man anders die Felsen nicht hochkommen würde.

einmal klettern bitte
Ich packe die Trekkingstöcker weg, schnappe mir die Kette und klettere hoch. Als ich oben umfassen will, verliere ich plötzlich den Halt und rutsche runter. Ich bekomme die Kette zwar noch zu fassen, aber bis meine Arme ausgestreckt sind und damit den Sturz abbremsen, bin ich schon fast die gesamte Strecke auf den Felsen runtergerutscht. Fuck! entfährt es mir. Aber damit war die Wut dann auch schon rausgelassen und ich habe mich wieder beruhigt – alles eine Frage der Einstellung, habe ich mir gesagt, Du musst jetzt nicht sauer werden. Bringt ja auch nix.
Meine einzige Sorge galt meinem Handy, das sich in der linken Brusttasche der Regenjacke befand. Genau auf dieser Seite bin ich auf den Felsen langgeschabt und die Jacke hat ein großes Loch. Ich traue mich zunächst nicht, als ich auf dem nächsten Gipfel aber dann doch nachsehe, ist das Handy unversehrt und funktioniert – nochmal Glück gehabt!
Also weiter…ich bin jetzt schon drei Stunden unterwegs und langsam schwinden meine Kräfte…es sind aber immer noch gut zwei Kilometer… Erst nach 5:20 Stunden erreiche ich fix und fertig den Waldrand und einen Fluss, in welchem ich mich erstmal sauber machen kann, das ist dringend nötig, so wie ich aussehe.

nach fünf Stunden Schlammwald
Auf dem Weg dorthin haben mich alle anderen überholt, irgendwie war ich heute die Schnecke vom Dienst, aber egal.
Den Rest des Tages steht nur noch Straße an und auch am nächsten Tag gibt es mit Weiden und Straßen eine unaufgeregte Strecke mit schönen Ausblicken, bis ich mittags in Te Kuiti ankomme, wo ich zwei Zerodays einlegen will. Ich kaufe im Supermarkt einen Haufen Essen für die zwei Tage und lasse mich dann an der Touristeninformation abholen, da das Hostel drei Kilometer außerhalb liegt. Es sind einzelne Gebäude auf einem großen Grundstück und bei meiner Ankunft bin ich der einzige Gast. Das bedeutet, ich habe endlich mal ein Zimmer für mich alleine! Was für ein Luxus! Nach den üblichen Aufgaben wie Wäsche waschen und duschen werfe ich mich aufs Bett und verbringe den Rest des Tages liegend. 🙂

Te Kuiti im Regen

















